Funktioniert es nicht im Bett, liegt es nicht einfach nur an mangelnder Motivation. Wer keine Lust auf Sex hat, muss krank sein. Sorgen braucht sie/er sich aber keine zu machen, denn es gibt ja Hilfe. Beim Schlucken der sündteuren Pillen muss sie/er nur auf ihren/seinen Blutdruck achten, sonst könnte es zum allerletzten Sex kommen.

Was bei Männern angeblich so ist, soll auch für Frauen gelten. Wogegen WissenschafterInnen nun Sturm laufen: Die "sexuelle Funktionsstörung der Frau" sei eine "erfundene Krankheit", ätzt das British Medical Journal.

Die Pharmaindustrie verhalf bereits in den vergangenen Jahren "erektil dysfunktionierenden" Männern mit Wunderpillen zum Orgasmus. Abgesehen von ein paar Todesfällen mit großem Erfolg. Viagra-Hersteller Pfizer hat seit 1998 mit seinem Sildefanil weltweit mehr als 17 Millionen Männer und damit vor allem sich selbst glücklich gemacht: 1,42 Milliarden Euro Jahresumsatz mit Viagra. Bayer und Lilly kommen mit ihren ähnlichen Produkten Vardenafil und Tadalafil auf je eine Milliarde.

Das Fachmagazin wirft der Pharmaindustrie nun vor, einen solchen Markt gezielt auch für Frauen aufbauen zu wollen. Dies habe mit einem von der Industrie gesponserten Kongress begonnen, auf dem Kriterien für die Diagnose einer sexuellen Funktionsstörung von Frauen festgelegt wurden. Eingeladen worden seien Forscher mit besonderem - finanziellem - Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Industrie.

"Wir haben überhaupt nichts erfunden", wehrt sich Pierre Saffarina, Sprecher von Pfizer Austria, "die Female Sexual Dysfunction ist schon 1992 von der WHO als Krankheit definiert worden." Und der Pharmakonzern Pfizer habe sich erst viel später dieser Krankheit angenommen. "Das ist eine wirklich ernst zu nehmende Störung", konstatiert Saffarina.

Wie ernst, sollte eine im Journal of the American Medical Association veröffentlichte Studie unter Beweis stellen. Nach dieser leiden 43 Prozent aller US-amerikanischer Frauen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren an dieser Krankheit. Umgelegt auf Österreich könnte dies vielleicht den Geburtenrückgang hierzulande erklären - wenn man's denn glaubt.

Fragwürdige Studie

"Das heißt ja nur", schränkt Saffarina etwas ein, "dass bei fast der Hälfte der Frauen zumindest Symptome vorhanden sind. Es müssen sicher nicht alle von ihnen medikamentös behandelt werden." Nicht nur nicht alle, sondern wahrscheinlich noch weniger, wenn man sich ansieht, wie die ForscherInnen zu diesen Studienergebnissen gekommen sind: 1500 Frauen wurden gefragt, ob sie dereinst mindestens zwei Monate lang eines von sieben Symptomen bemerkt hätten, darunter: keine Lust auf Sex, Angst vor Versagen, Schmerzen beim Verkehr. Mit nur einem einzigen "Ja" wurden die Frauen bereits als "funktionsgestört" definiert. Außerdem gaben Studienautoren später enge Beziehungen zur Pharmaindustrie zu.

"Erfundene Krankheiten", beruhigt das Fachblatt, seien in der weiten Welt der Wissenschaft aber nichts Neues. In Australien sei etwa die Glatzenbildung just zu jenem Zeitpunkt zur Krankheit mutiert, als die Firma Merck ihr Haarwuchsmittel Finasterid auf den Mark geworfen habe.

Der dahinter steckende Mechanismus sei immer derselbe: Unabhängige WissenschafterInnen würden von der Industrie angemietet, um die Öffentlichkeit vor Zunahme und Dramatik einer angeblichen Krankheit zu warnen. Gleichzeitig würden von der Pharmaindustrie unter Vertrag genommene PR-Firmen die Medien bombardieren - mit aktuellen Studien, die von ForscherInnen der Industrie selbst durchgeführt worden seien und deren Ergebnisse die so genannten unabhängigen ExpertInnen unterstützten, und mit Infos zur endlich erhältlichen Wunderpille.

Neue Medikamente

Nicht nur Glatzerten sei eine Krankheit eingeredet worden: Schüchternen sei die "Sozialphobie" umgehängt und Menschen, die sich falsch ernährten und daher Probleme mit dem Stuhlgang hätten, sei das "Irritable Bowel Syndrom", der Reizdarm, angedichtet worden, schreibt das Blatt. Und immer habe es neue Arzneien gegeben. Die ersten Pillen gegen sexuelle Funktionsstörungen von Frauen könnten übrigens schon heuer auf den Markt kommen. (DER STANDARD, Printausgabe 18./19.01.2003)