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Alle Leser, die in Siri Hustvedt und Paul Auster das literarisch so produktive, attraktive, sich auch gar nicht ungeschickt selbst inszenierende Paar der zeitgenössischen amerikanischen Literatur sehen, können jetzt ihren dritten Roman, den in New York angesiedelten Familienroman "Was ich liebte", nach Spuren durchsuchen. "Einige Eigenschaften meiner Figuren habe ich auch von meinem Mann Paul Auster gestohlen", sagt Siri Hustvedt.

Sie können es aber auch bleiben lassen, denn auch ohne dieses biografische Wissen über die Autorin ist "Was ich liebte", dieser knapp fünfhundert Seiten lange, sieben Jahre nach Siri Hustvedts zweitem Roman, Die Verzauberung der Lilly Dahl, erschienene Band, ein fesselndes und lebenskluges Buch. Erzählt wird die Geschichte zweier Künstlerpaare, die miteinander eine Art große Wahlfamilie bilden. Sie besteht einerseits aus dem Maler Bill, dessen Ehefrau Lucille, einer Lyrikerin - die später abgelöst wird durch die Doktorandin Violet - sowie dem Kunstgeschichteprofessor Leo und seiner Frau Erica, ebenfalls Wissenschafterin.

Der sachliche, ruhige Leo schildert rückblickend, wie er Bill kennen lernte und sogleich bewunderte, wie dieser Karriere zu machen begann. Er erzählt von seiner Frau Erica, wie sie sich kennen lernten - beide stammen sie aus jüdischen Emigrantenfamilien - von den Söhnen, die beide Paare fast zeitgleich bekommen. Es ist dabei geschickt gewählt, dass Leo Kunsthistoriker ist. Auf diese Weise gibt er einen glaubhaften Interpreten von Bills Bildern und Installationen ab, die einen großen Raum in dem Buch einnehmen. Sie dienen als Spiegelbild und Kristallisationspunkt von Bills jeweiligem Gemütszustand und zeigen, wer und was ihn gerade beeinflusst. Da ist beispielsweise die Reihe "Hänsel und Gretel", zu der ihn Violet inspirierte, weil sie begonnen hat, an einer Dissertation über Frauen mit Essstörungen zu arbeiten.

Während das Thema der Kunst und Bildbeschreibung in Hustvedts letztem Roman bereits thematisiert wurde, kennt man Letzteres - Körperlichkeit, Körperbilder, Androgynität - aus ihrem Debüt Die unsichtbare Frau. Hier ist es wesentlich komplexer, zum Teil geradezu wissenschaftlich aufbereitet, das Buch bietet auch eine Bibliografie der verwendeten Quellen. Man könnte auch sagen, dass Siri Hustvedts Glaube an die fließenden Übergänge zwischen den Geschlechtern formal seinen Niederschlag in der Tatsache gefunden hat, dass sie als Icherzähler einen Mann ausgewählt hat.

Im Gegensatz zu anderen hierzulande populären amerikanischen Familienromanen, etwa Jonathan Franzens Korrekturen, spart Hustvedt im Plot nicht mit Schockeffekten. Wie ein großer Herzmuskel spaltet sich das Buch in zwei Teile, inhaltlich markiert durch den Unfalltod des Sohnes von Leo und Erica, der die schleichende Entfremdung des Paares zur Folge hat, die schließlich in der Trennung mündet: Erika nimmt den Ruf einer anderen Universität an und zieht weg. Leo dagegen schließt sich noch enger Bill und Violet an und beobachtet mit Argusaugen die Entwicklung ihres Sohnes Marc, seine Geburtstage, sein aufkeimendes Interesse an der Kunst. Die Mischung aus Wut, Verdrängung und tiefer, ernster Trauerarbeit, die im Blick dieses Mannes auf das fremde Kind liegt, ist sehr anrührend. Das Aufwachsen des Jungen konterkarieren die Passagen, in denen Bill sein eigenes Älterwerden, seinen Verfall diagnostiziert.

Eine kriminalistische Spannung entwickelt "Was ich liebte", wenn der Generationenkonflikt zwischen Marc und seinen Eltern in den Vordergrund rückt. Durch den Einfluss eines merkwürdigen Gurus aus einer reale und fiktive Aktionen verwechselnden Kunstgruppe entwickelt sich Marc, der inzwischen Mädchenkleider trägt, zu einer fremden, geradezu dämonische Gestalt. Er nimmt an merkwürdigen, zum Teil gefährlichen Kunstprojekten teil. Die Abgründe im Leben und in der Kunst, wie die Figuren sie erleben, kulminieren hier, und sie überfordern sowohl den jungen Mann als auch die Erzieher. Siri Hustvedt hat zu ihrem Buch gesagt, es sei eine ziemlich aufrichtige Fantasie darüber, was Kindern alles zustoßen kann, und keiner kann behaupten, ihr sei zu dem Thema wenig eingefallen, so anschaulich beschreibt sie die Ohnmacht der Eltern, die zwar ihr jeweiliges Werk unter Kontrolle haben, nicht aber ihre Kinder.

Am Ende ist "Was ich liebte" das gelungene Porträt einer amerikanischen Künstler- und Intellektuellengeneration, die aufgeklärt, diskussionsfreudig und ehrgeizig doch auf ihre spezielle Weise erkennen muss, wo der Wille aufhört und das Schicksal eingreift. (Silke Scheuermann, DER STANDARD, Printausgabe vom 18./19.1.2003)