Foto: Buchcover
Sputnik Sweetheart von Haruki Murakami ist ein wunderbares Buch. Hat man ein Buch gerne, möchte man es teilen. Man kauft vielleicht drei oder vier Exemplare und verschenkt sie an Freunde. Ihr Dankeslächeln ist meist gelblich. Irgendwann habe ich aufgehört, Bücher zu verschenken. Aus vergleichbaren Gründen verschenke ich auch keine Topfpflanzen, Zierteller und Haustiere. Mit Haruki Murakami erging es mir ähnlich wie mit der Neunzigerjahre-Band Nirvana. Mir gefielen Nirvana schon in den späten Achtzigern. Heute sind meine Schultern blau bis dunkelrot, weil ich mir selbst so oft draufgeklopft habe: Bravo! Du warst der Erste, Martin, der Erste in Österreich! Nirvana entdeckt, Murakami entdeckt! Allmählich haben auch andere Leute die von mir exklusiv und ununterbrochen propagierten Nirvana entdeckt und den von mir exklusiv und ununterbrochen propagierten Murakami entdeckt. Mich hätte das freuen müssen. Man möchte ja teilen. Doch die Eitelkeit des Erstentdeckers war stärker: Die neue Popularität hat mich eher beängstigt. Im Fall Nirvana erfuhr ich plötzlich, wie die Typen hießen, die da auf der Bühne singen. Das war eine Enttäuschung. Auf einmal trug jeder dieses T-Shirt mit dem Unterwasserbaby, und alle kannten den Namen des Sängers. So genau hatte ich das gar nicht wissen wollen. Ich war schließlich kein Fan. Ich war, und es gibt nichts Kläglicheres als diesen, ein ewig unbelohnt bleiben werdender Erstentdecker. Es kam, wie es kommen musste - die Band, die vor zweihundert Leuten im Konzertlokal U4 gespielt hatte, überschwemmte den legendären Kultursender Ö3! Der Auf- bzw. Abstieg ging rasant, das Merchandising florierte, und Teile Nirvanas haben sich später sogar erschossen, weil sie das alles nicht mehr aushielten. Haruki Murakami kennt das Bekanntsein. Außerdem ist er schon über 50. Unwahrscheinlich, dass er sich in Tokio das Leben nimmt, nur weil ihn jetzt ein paar Österreicher zusätzlich kennen. Er begegnet seinem Erfolg im deutschsprachigen Raum bestimmt mit Gelassenheit. Dabei ist dieser Erfolg wenn schon nicht überraschend, so doch beunruhigend. Normalerweise sind die Belletristik-Bestseller bei uns relativ öder Lesestoff. Irgendwas läuft also falsch, wenn Haruki Murakami, der ja großartige Bücher schreibt, auf einer Liste neben Donna Leon und Paulo Coelho steht. Was falsch läuft, weiß ich genau. Murakami ist durch das "Literarische Quartett" bekannt geworden, weil eines seiner Bücher der Auslöser für den Zusammenbruch dieser TV-Sendung war. Das "Literarische Quartett" ist für die Literatur ungefähr das, was Ö3 für Musikrichtungen wie den Grunge gewesen ist, eine Kulturverbreitungsanstalt mit wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund und gleichermaßen eine Breitschlagmaschinerie von geradezu demokratischen Ausmaßen. Allerdings habe ich keinen genauen Überblick über das "Literarische Quartett". Ich sah die Sendung ein einziges Mal, dabei hatte ich jedoch die 0,8-Promille-Grenze überschritten. Mir gefiel Marcel Reich-Ranicki, weil das, was er sagte, ehrlich klang. Die anderen Literaturspezialisten, die zu Wort kamen, waren eher peinlich. Sie schienen Sklaven dieses alten Mannes zu sein, der ihnen nach Belieben ins Wort fiel. Jedenfalls sprachen sie nur über Bücher, von denen ich hoffte, keines jemals in die Hand zu kriegen. Wenn ich vom "Zusammenbruch dieser TV-Sendung" spreche, die offenbar wegen Meinungsverschiedenheiten der Kritiker angesichts des Buchs Gefährliche Geliebte von Haruki Murakami erfolgte, so ist mir bewusst, dass dieses "Literarische Quartett" mit anderem Personal sehr wohl weiter gesendet wurde. Man las das zumindest auf Kulturseiten. Unterdessen hört man aber immer seltener vom "Literarischen Quartett", sodass ich annehmen muss, man habe es in weiterer Folge gänzlich aufgelöst. Da das Niveau dort ganz schön niedrig sein konnte, bezichtigte man Haruki Murakami wegen zwei oder drei Sexszenen der Pornografie. Murakamis Roman, Kokkyo no minami, taiyo no nishi (offenbar: Südlich der Grenze, westlich der Sonne, ein Nat-King-Cole-Zitat), hieß auf Deutsch leider Gefährliche Geliebte; und irgendjemand hatte die schräge Idee, den Text von untalentierten Menschen aus dem Englischen statt aus dem Japanischen übersetzen zu lassen! Das klang unter anderem so: "Nicht, daß ich nicht mein Bündel von Problemen gehabt hätte; aber welcher Sechzehnjährige hat das nicht?" Der Dumont Verlag hat diesen Missgriff längst ausgebügelt. Jetzt übersetzt die wunderbare Ursula Gräfe die Murakami-Texte direkt aus dem Japanischen in glasklares Deutsch. Was von der überflüssigen Pornodebatte blieb, waren Menschenmassen, die begannen, Haruki Murakami zu kaufen. Manche lasen ihn. Und wer ein Buch von ihm liest, der rennt in die Buchhandlung und holt sich ein zweites. Es gibt viele; obwohl Murakami in seinem Leben eigentlich nur eine einzige Konstellation in unterschiedlichen Varianten beschreibt. Es geht meistens um einen etwa 30-jährigen Mann, der Spaghetti oder Tofu kocht, und plötzlich passiert etwas Interessantes. Die Texte sind ebenso wie ihre Protagonisten angenehm sanft, weil sie nicht protzen und hochstapeln. Sie bilden das Leben unspektakulär ab, doch Murakami schafft es trotzdem, einen Draht zum Unsagbaren, zum Zauberhaften, zum schmerzlich Schönen zu verlegen. Sputnik Sweetheart ist ein wunderbares Buch. Es wird mir leicht fallen, eine total positive Besprechung zu schreiben. Und zwar so:

S umire, 22, versteht nichts von der Liebe. Was sie interessiert, ist ihre zukünftige Karriere als Autorin. Der Icherzähler in Sputnik Sweetheart, ein scheinbar farbloser, jedoch ehrlicher junger Mann , ist unglücklich in Sumire verliebt. Sie akzeptiert ihn als platonischen Partner, und er gibt ihr den (nur im übertragenen Sinn zu verstehenden, später verhängnisvollen) Tipp, sie solle von Zeit zu Zeit "einen Hund schlachten", weil in einer Geschichte "Blut fließen" müsse. Sumire lernt Miu kennen, Expianistin, fast 40, tätig als Weinimporteurin. Sie übernimmt den Job als Mius Privatsekretärin und verliebt sich in ihre Chefin. Die erste Leidenschaft ihres Lebens reißt sie in wilder Stärke mit sich fort. Fort im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach der Nacht der Offenbarung, auf einer winzigen griechischen Insel nahe Rhodos, ist Sumire verschwunden. Und sie bleibt verschwunden. Selbstmord, Verbrechen oder doch der Schritt in eine dritte Dimension? Miu ruft den Icherzähler in Japan an und bittet ihn, bei der Suche zu helfen. Was dann auf der Insel geschieht, ist eine unbequeme Reise tief in die Vergangenheit aller Protagonisten. Murakami verzichtet in diesem rätselhaften und doch außerordentlich klaren Roman auf komplette Auflösung des Plots. Sputnik Sweetheart ist ein Stück über die Liebe, das man langsam lesen sollte. Es schmerzt bei der Lektüre in den Unterarmen und ähnelt dabei anderen Suchtmitteln. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 18./19.1.2003)