"Niemand erwartet mehr, dass die dritte Mobilfunkgeneration in zwanzig Jahren Gewinne schreibt. Aber wenn die Netzbetreiber nicht bald nützliche und vor allem billige Services anbieten, werden sie in hundert Jahren auch noch keine Gewinne schreiben." Terrie Lloyd, Marketingberater und Medienunternehmer mit langjähriger Erfahrung im Beratungsgeschäft in Tokio, hat keine Illusionen, was die neue Handywelt betrifft. Aber: "Für gute Services zahlen die Kunden immer", sagt Lloyd.

"Auch Drogen kosten am Anfang nichts"

Mit dieser Einstellung war der Marketingstratege beim diesjährigen 3G Mobile World Forum in Tokio nicht allein, die Branche sucht nach dem fulminanten Wachstum der mobilen Sprachtelefonie in den Neunzigerjahren weltweit nach neuen Einnahmequellen. Lloyd greift zu einem drastischen Beispiel: "Auch Drogen kosten am Anfang nichts. Einmal süchtig, zahlen die Konsumenten aber einen sehr hohen Preis dafür."

70 Euro Umsatz pro Kopf und Monat

Japan, das mit mittlerweile knapp 74 Millionen Handytelefonierern und einem monatlichen Durchschnittsumsatz pro Kopf von 70 Euro und mehr stets als Vorreiter galt, kann beim multimedialen 3G-Handy (der Dachbegriff für UMTS, Anm.) allerdings nur bedingt als Vorbild gelten. Denn zwar nützen rund 60 Millionen Japaner noch immer kein Handtelefon, die jährlichen Wachstumsraten bewegen sich dennoch nur im unteren einstelligen Bereich. Und: Nicht einmal jeder Zehnte verschickt in den 3G-Netzen Nippons Fotos und Videoclips, obwohl Marktführer NTT DoCoMo mit seinem UMTS-artigen Foma-Netz bereits im Oktober 2001 gestartet ist, - DER STANDARD berichtete.

Industriestandards inkompatibel

Hinzu kommt, dass die drei Platzhirschen am Markt, NTT DoCoMo (44,9 Mio. Teilnehmer), KDDI (rund 13,6 Mio. Kunden) und J-Phone (13,3 Mio. Nutzer) bei den Datendiensten aufgrund fehlender Industriestandards inkompatibel sind. Bilder und Videos können also auch in Zukunft nur innerhalb der Netzgemeinde verschickt werden. Ganz zu schweigen vom Ausland, wo die Mobiltelefone der Japaner stumm bleiben. Einzige Ausnahme ist der Vodafone-Ableger J-Phone, der auf weltweite Standards setzt und Weltreisenden volle Kompatibilität garantiert.

Die Zwillinge

Für Mobilkom-Chef Boris Nemsic ist klar, dass Telefon und Kamera wie Zwillinge zusammengehören. Dank 3G-Vorläufern wie I-Mode sind in Japan bereits 15 Millionen Fotohandys im Umlauf, während in Europa Handyfotografen noch als Exoten gelten.

Ob die Geräte aus dem Stall von Nokia, Motorola, Siemens oder Samsung kommen, ist für die japanischen Konsumenten übrigens sekundär, hier bestimmen die Netzbetreiber Menüführung und Servicetools. In Europa ist es umgekehrt, ein und derselbe Dienst ist je nach Hersteller unterschiedlich zu bedienen.(Luise Ungerboeck aus Tokio/Der Standard, Printausgabe vom 18./19.1.2003)