Larnaka - Mit einem brisanten Fund über sein Atomprogramm ist der Irak in massive Erklärungsnot geraten: Die UNO-Waffenkontrollore fanden im Haus eines irakischen Wissenschaftlers umfangreiche Geheimdokumente, die offenbar Hinweise zur Herstellung von Atomwaffen enthalten, wie der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohamed el Baradei, am Samstag dem US-Fernsehsender CNN sagte. Das 3.000 Seiten umfassende Material gebe Aufschluss über die Anreicherung von Uran und sei nicht deklariert gewesen. Zuvor hatten Baradei und UN-Chefinspektor Hans Blix Irak am Tag vor ihrer Reise nach Bagdad mangelnde Zusammenarbeit mit den Inspektoren vorgeworfen.

In den Dokumenten aus den Achtzigerjahren gehe es um "Laser-Technologie", die bei der "Anreicherung von Uran zur Herstellung einer Atombombe" verwendet werde, sagte Baradei in dem gemeinsamen Interview mit Blix und fügte hinzu: "Wir wissen, dass sie so weit nicht gegangen sind." In dem CNN-Interview in Larnaka auf Zypern stellte der IAEA-Direktor die Frage, warum die irakische Führung die Existenz der Dokumente nicht angegeben habe. Bagdad betonte bisher stets, alle Hinweise über Massenvernichtungswaffen stünden in dem 12.000 Seiten umfassenden Rüstungsbericht an den UN-Sicherheitsrat vom Dezember. Erst am Donnerstag hatten die UN-Inspektoren mit dem Fund chemiewaffentauglicher Gefechtsköpfe die Zuverlässigkeit der irakischen Angaben in Frage gestellt.

Originale werden übersetzt

Bei den Geheimdokumenten handelt es sich Baradei zufolge um "Original-Dokumente in arabischer Sprache", die am Samstag noch übersetzt wurden. Es sei bekannt gewesen, dass der Irak ab Ende der Achtzigerjahre über die Technologie zur Anreicherung von Uran verfügte. "Aber wir hatten bisher keinen Zugang zu den Originaldokumenten". Deshalb bestehe die UN-Kontrollmission darauf, dass sich Bagdad "kooperativer" zeigen müsse. Es dürfe nicht sein, dass die Inspektoren die Dokumente "selbst finden". Baradei kündigte an, die Waffenkontrollore würden trotz irakischer Proteste die Durchsuchungen in Häusern von Wissenschaftlern fortsetzen.

Der irakische Wissenschaftler Faleh Hassan Hamsa, in dessen Haus die Dokumente bereits am Donnerstag entdeckt wurden, warf den Inspektoren am Samstag "Mafia-Methoden" vor. Die Inspektoren hätten versucht, ihn unter einem Vorwand außer Landes zu locken, sagte Hamsa in Irak. Dagegen betonte Blix, bei den Kontrollen dürfe es "keine heiligen Stätten" geben. Der Fund der Geheimdokumente zeige, dass es erforderlich sei, auch in den Privathäusern von Wissenschaftlern zu suchen.

Blix bemängelt Kooperation

Zuvor hatte Blix der irakischen Führung erneut mangelnde Zusammenarbeit vorgeworfen. Die irakischen Behörden hätten den UN-Waffenkontrolloren zwar ungehinderten Zutritt zu den gewünschten Einrichtungen gegeben, sagte Blix in Larnaka. "Im Wesentlichen" habe Bagdad seit Beginn der Inspektionen Ende November jedoch "keine ausreichende Kooperation" bewiesen. Der Irak müsse "aufrichtig und wahrhaft" mit der UN-Kontrollmission UNMOVIC zusammenarbeiten.

Blix und Baradei reisen am Sonntag gemeinsam nach Bagdad. Bei den Gesprächen mit der irakischen Führung sollte es vor allem um die Zusammenarbeit mit den Kontrolloren und den Stand der Inspektionen gehen. Am 27. Jänner müssen sie beim UN-Sicherheitsrat ihren Bericht zu den Waffeninspektionen vorlegen. (APA)