Gäbe es einen Wettstreit um das unbekannteste Londoner Denkmal, der Bronzegeneral mit der Schirmmütze wäre ein heißer Kandidat auf den Sieg. Zwar thront Charles de Gaulle am Ende der Carlton Gardens, gegenüber der Villa, in der er 1940 im Exil das Komitee "Freies Frankreich" gründete, sehr imposant auf einem Marmorsockel. Aber kaum jemand nimmt davon Notiz.

Zweimal, 1963 und 1967, bat Großbritannien um Aufnahme in die EWG, den Vorläufer der Europäischen Union. Zweimal legte de Gaulle sein Veto ein. Die Engländer seien wegen ihres Sonderpakts mit Amerika mehr Atlantiker als Europäer, begründete er das Nein.

Angesichts solcher Bissigkeiten lässt sich unschwer erraten, welche Rolle der 40. Jahrestag des deutsch-französischen Elysée-Vertrags, der am Mittwoch gefeiert wird, in London spielt. Er wird ignoriert, und zwar gründlich. Den Normalverbraucher beschäftigt das Ereignis ohnehin nicht. Für ihn sind die Franzosen, weil sie Frösche verzehren, die "Frogs". Die Deutschen nennt er, wegen ihrer Vorliebe für Sauerkraut, "Krauts". In der Boulevardpresse wird das Doppelklischee liebevoll gepflegt.

Deutschlands Botschafter Thomas Matussek zerbricht sich den Kopf, wie er die große Feier im Königreich vermitteln soll. "Gelassen bleiben", empfiehlt Lord Ralf Dahrendorf, der Hamburger Liberale, der im britischen Oberhaus sitzt. Man wisse in London sehr gut, dass die deutsch-französischen Beziehungen eine "Sache des Kopfes sind und nicht des Herzens".

"Gerhard Schröder und Jacques Chirac sind kein Ersatz für Helmut Kohl und Fran¸cois Mitterrand", schreibt der Guardian - ein Satz, der am Big Ben nach Entwarnung klingt. Dass die Chemie zwischen Chirac und Schröder nicht stimmt, wirkt wie eine Beruhigungspille. Denn kaum etwas verunsichert die britische Politik mehr als ein gallisch-teutonischer Motor, der auf vollen Touren läuft.

Das renommierte Londoner Centre for European Reform hat einige Zeit darüber nachgedacht, ob sich die Achse Paris-Berlin nicht ersetzen lasse durch das Duo London-Berlin. Doch die kühnen Studien verstauben in den Regalen. Die Hoffnung, Blair und Schröder würden das Traumpaar in Europas "neuer Mitte" bilden, ist zerplatzt.

Zum einen liegt das an der Irritation, die Tony Blair über Schröders Schlingerkurs in der Irakfrage empfindet: Das Bündnis mit Amerika ist für den Labourpremier als Doktrin in Stein gemeißelt. Zum anderen ist sein Zickzackkurs in Sachen Euro schuld. Verbal hat Blair wohl öfter als jeder EU-Kollege verkündet, der Platz seines Landes liege "im Herzen Europas". Praktisch aber zaudert er, ein seit 1997 versprochenes Referendum über den Eurobeitritt endlich abzuhalten - er fürchtet eine Abfuhr beim Volksentscheid.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2003)