Die künstlerische Gestaltung eines menschenwürdig erneuerten Karlsplatzes will eine neue Bürgerinitiative ins Auge fassen - und übersieht, dass die Politik ihre vollmundigen Platz-Neuplanungs-Ankündigungen oft aus den Augen verliert.


Wien - Zum Glück hat Michael Ende mit seiner "Unendlichen Geschichte" einen simplen Fantasy-Roman geschrieben und nicht versucht, sich mit der Echtwelt am Karlsplatz auseindander zu setzen. Sonst wäre das Buch nie erschienen, sondern - höchstens - als auseinander fallendes Manuskript in irgendwelchen Projektgruppen des Rathauses über 100 Jahre von einem Schreibtisch zum nächsten gereicht worden. Mit Vermerken: "wichtig", "heikel" und "wem andern umhängen".

Am Karlsplatz kommen nämlich nicht nur die Verkehrsströme der Stadt, sondern auch alle mit ihnen einhergehenden Probleme zusammen. Kein Wunder also, dass sich kein Politiker wirklich über den Platz traut. Zu Fuß so wenig wie planerisch.

Eine Mitte der Woche gegründete Bürgerinitiative will da nun Abhilfe schaffen. Oder zumindest die Politik zwingen, eine öffentliche Diskussion zu führen: Unter dem Signet "Öffnet den Karlsplatz" soll sich die Zone zwischen Naschmarkt und Historischem Museum zu einem "Ort der Kunst" entwickeln.

Als Signal für künstlerische Gestaltungsformen des 21. Jahrhunderts, erklärt Karl Latz von der Karlsplatz-Initiative, solle der Raum "nicht nur musealen Formen" der Kunstaufbewahrung in den Museen an seinen Rändern dienen. "Die angedachte Neugestaltung am Platz", so Latz, "stellt eine historische Chance dar." Wenn über eine Sanierung der "grauslichen Verkehrssituation" zu einem "menschenwürdigen Naherholungsgebiet" diskutiert werde, dürfe die Debatte um eine künstlerische Aufbereitung des Areals nicht vergessen werden.

Konzept versprochen

Konkret beziehen sich Latz und seine Mitstreiter da auf jene Pläne und Ideen, die zuletzt im Spätsommer 2002 präsentiert wurden. DER STANDARD berichtete damals ausführlich.

Demnach sollten - unter anderem - die Straßenbahnen beim Künstlerhaus verlegt werden und eine Umleitung der den Platz in unzugängliche Inseln teilende Verkehrsströme ins Auge gefasst werden. Ergebnisse wurden für November 2002 angekündigt.

Was genau das Ergebnis der Studien ist, wissen aber auch die Bürgerinitiativler nicht: "Alle reden darüber, aber keiner weiß etwas konkretes", erklärt Latz. Auch und gerade deshalb sei es wichtig, die Politik in die Pflicht einer öffentlichen und offensiven Debatte über die Zukunft des Platzes zu nehmen.

Freilich weiß man im Rathaus derzeit auch nicht mehr als auf der Straße: Das für November angekündigte Konzept verzögere sich, bedauert man im Büro von Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP). "In den nächsten zwei Monaten sollte es aber vorliegen." Für Gespräche sei man natürlich offen, "sobald konkrete Vorschläge am Tisch liegen."

Michael Ende hat nie über den Karlsplatz geschrieben. Darum ist seine unendliche Geschichte auch irgendwann fertig geworden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 18./19.1.2003)