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Frankfurt/Main - Wichtige Aspekte von Theodor Adornos philosophischen Denken speisen sich nach Ansicht seines Biografen aus zwei prägenden Erfahrungen seines Lebens: aus einem "Gefühl der völligen Aufgehobenheit" in der Kindheit und aus der "bitteren Erfahrung der Emigration" nach der Vertreibung durch die Nationalsozialisten. "Aus der Erfahrung des Außenseitertums speist sich sein kritisches Gesellschaftsbild", sagte Stefan Müller-Doohm, Autor der großen Adorno-Biografie, die zum 100. Geburtstag (11. September) im Frankfurter Suhrkamp Verlag im Sommer erscheinen wird.

Zwei konträre Erfahrungen

Adorno sei sehr behütet in einem "halb bildungsbürgerlichen, halb wirtschaftsbürgerliche Elternhaus" aufgewachsen. Prägend gewesen sei seine enge Beziehung zu der Mutter, einer Sängerin, und der sehr belesenen Tante. Eine "rückhaltlose Anerkennung seitens seiner Familie" habe seine Kindertage geprägt. "Ganz konträr dazu sind die Erfahrungen des 30-Jährigen, 1933 aus dem eigenen Land vertrieben zu werden, die eigenen Sprache und die eigene Kultur aufgeben zu müssen".

Adornos gedankliches Erbe ist aus Sicht Müller-Doohms enorm: "Erst heute ist uns bewusst, was Adorno vor 50 Jahren ausgelöst hat, als er schrieb, ein Gedicht nach Auschwitz zu schreiben, sei barbarisch", sagte der Soziologie-Professor: "Adorno war derjenige, der mit der Tabuisierung von Auschwitz brach wie kein anderer." Er habe in Deutschland klar gemacht, dass Demokratie "nur um den Preis des Eingedenkens zu haben ist", gleichzeitig aber auch gezeigt, "dass es ein anderes Deutschland unter dem Nazi-Schutt gegeben hat".

"Die Faszination hat mich nie losgelassen"

Vom Adorno-Jahr erwartet sich der Biograf zum einen, dass Adornos "konsequentes Denken" mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Zum anderen erhofft er sich von der Wissenschaft, dass die Beziehungen zwischen Adorno und anderen Denkern klarer herausgearbeitet werden. Schlecht fände er, wenn Adorno durch die Feierlichkeiten "zum Klassiker stilisiert" würde: "Sein Denken widersetzt sich aller Musealisierung."

Der heute 60-jährige Müller-Doohm hat bereits als Schüler Vorlesungen Adornos in Frankfurt gehört. "Die Faszination, die beim ersten Hören entstanden ist, hat mich nie losgelassen", berichtet er heute nach sechs Jahren intensiver Arbeit an der Biografie. Adornos "freies Denken" habe schon damals eine starke "suggestive Kraft" auf ihn ausgeübt, "ohne dass ich das damals auf Anhieb alles verstanden hätte." (APA/dpa)