Wien - Europas Energieabhängigkeit vom Nahen Osten könnte durch verstärkte Lieferungen aus Russland reduziert werden: Wenn die russische Energiewirtschaft "tief greifend reformiert" werde, könne sie nicht nur der Motor der Wirtschaftsentwicklung Russlands sein, sondern auch Europas Unabhängigkeit von Lieferungen aus dem Nahen Osten stärken, so Marianne Kager, Leiterin der volkswirtschaftlichen Abteilung in der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA). Derzeit kämen mehr als 10 Prozent der Rohölimporte aus Russland, dieser Anteil könnte sich bis 2020 verdoppeln.

Beim Erdgas liegt der Anteil der russischen Lieferungen bei mehr als einem Fünftel, wobei es länderweise große Unterschiede gibt. So kommen etwa Finnlands Gasimporte zu 100 Prozent aus Russland, während die Niederlande keinerlei Russen-Gas beziehen. In Österreich stammen laut den Daten der BA-CA-Volkswirte rund 63 Prozent der Gasimporte aus Russland.

Trennung von Produktion und Transport

Als Kern der Reformen in der russischen Öl- und Gasindustrie sieht die BA-CA die Trennung von Produktion und Transport. Nach den derzeitigen Plänen Moskaus sollen Transport- und Verteilung weiterhin ein staatliches Monopol bleiben. Ob neue, private Eigentümer der Energieunternehmen allerdings zu maßgeblichen Investitionen bereit sein werden, werde maßgeblich davon abhängen, ob die Preise am russischen Markt den Weltmarktpreisen angepasst werden können. Derzeit liegen die Inlandsgaspreise in Russland lediglich bei rund einem Viertel des Weltmarktpreises, geht aus einer Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hervor, die im Auftrag der BA-CA erstellt wurde.

Im Zuge der geplanten Reformen in Russland werde auch der "Energie-Dialog" zwischen der EU und Russland an Bedeutung gewinne, so Kager. Vorgesehen ist unter anderem die Anerkennung von neuen Pipelines als "gemeinsames Interesse". Darunter fallen unter anderem die Jamal-Pipeline durch Weißrussland und Polen oder die Verknüpfung der "Druschba-Pipeline" mit der Adria-Pipeline. Eine rasche Steigerung der russischen Energieexporte werde vor allem durch den Kapazitätsmangel bei den Export-Pipelines behindert.

Russland derzeit zweitgrößter Nettoexporteur von Rohöl

Russland ist derzeit nach Saudi Arabien der zweitgrößte Nettoexporteur von Rohöl. Bei den gesicherten Ölreserven liegt es an achter Stelle, bei den Weltgasreserven ist Russland mit einem Anteil von fast einem Drittel die Nummer eins weltweit. Abgelegene Regionen sind aber noch nicht erforscht, Russlands Anteil an den Reserven könnte daher durchaus noch höher sein.

Die BA-CA-Volkswirte erwarten, dass in den nächsten Jahrzehnten die Bedeutung der OPEC und Russlands an den Ölmärkten noch steigen könnte. Kamen im Jahr 2000 52,4 Prozent der weltweiten Gesamtimporte aus OPEC-Ländern, so soll dieser Anteil 2020 auf 64 Prozent steigen. Der Anteil der GUS könnte in diesem Zeitraum von 4,7 Prozent auf 8,0 Prozent steigen, wobei im Jahr 2020 Westeuropa rund 20 Prozent seiner Ölimporte aus der Region beziehen könnte und auch nach Nordamerika Öl (Anteil 2,2 nach 0,0 Prozent) geliefert werden könnte.

Die nötigen Investitionen zur Erreichung des Ziels der Moskauer Regierung, den Ausstoß bei 7,8 Mio. Fass pro Tag (bpd) zu stabilisieren und der Erschöpfung der westsibirischen Felder entgegenwirken zu können, liegen laut BA-CA bei jährlich mindestens 1 Mrd. Euro. Im Jahr 2002 wurden rund 7,6 Mio. bpd erzeugt.(APA)