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Maurizio Pollini

Foto: APA/ANSA/Presidenza Della Repubblica

Pierre Boulez will er animieren, die Dritte Klaviersonate zu vollenden. Doch Pianist Maurizio Pollini hat auch mit Beethoven und Mozart genug zu tun - demnächst bei der "Mozartwoche" in Salzburg. Mit dem italienischen Pianisten sprach Peter Cossé.


Mailand - In Kürze wird der italienische Pianist eine weitere Beethoven-CD veröffentlichen - im Programm neben den Sonaten op. 54, op. 78 und op. 90 auch die berühm- te Appassionata. In Salzburg sind Gastspiele bei der kommenden Mozartwoche (ab 25. Jänner) mit den Wiener Philharmonikern unter Pierre Boulez, bei den Osterfestspiel-Kontrapunkten und bei den Festspielen im Sommer angekündigt. In Mailand gab es kürzlich Gelegenheit, den Künstler in heimischer Umgebung über seine neue Beethoven-Initiative, über seine Spezialprojekte, über sein persönliches Befinden und zu möglichen Repertoire-Erweiterungen zu befragen.

STANDARD: Und doch immer wieder Beethoven?

Pollini: Seine Sonaten begleiten mich mein ganzes Leben. Ich spielte ja sämtliche 32 Klaviersonaten in mehreren Städten. Solch ein Unternehmen versetzt mich in die Lage, mich mit allen Aspekten der Beethovenschen Musik auseinander zu setzen. Meiner Ansicht nach hilft keine Sonate automatisch zum Verständnis einer anderen. Hat man die Erfahrung der gesamten Werk- reihe gemacht, dann ist man sich des enormen Reichtums dieses Komponisten bewusst. Ich bin begeistert über Beethovens Vermögen, Charaktere herauszuarbeiten. Diese erinnert mich an die Gestaltung der Charaktere in Mozarts Werken - dort freilich in einer subtileren Weise. Ähnliche Erfahrungen machte ich auch im Bereich der Werke Bachs. Zu meinem Vergnügen habe ich nämlich sämtliche Kantaten von Bach studiert. Und auch dort war mein Eindruck, dass jede Kantate sozusagen eine autonome Geschichte, ein völlig selbstständiges Werk darstellt.

STANDARD:Wenn Sie nun von diesen Verschiedenheiten von Sonate zu Sonate sprechen, dann steht die "Appassionata" doch schon von ihrem Umfang her im Zentrum.

Pollini: Die Appassionata kennt ein jeder als ein Meisterwerk, das als solches vielleicht weniger der Erklärungen bedarf. Nehmen wir hingegen die Sonate op. 54 - und da speziell den zweiten Satz: Dort experimentiert Beethoven mit der Form. Diese Sonate gehört zu jenen Werken, in denen Beethoven das Sonatenschema sehr persönlich deutet. Die Exposition ist extrem kurz, nur ein paar Takte. Die Sonatenform wird bis an ihre Grenzen getestet, wird pulverisiert - man denke da auch an Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 2, wo es ja auch keine Reprise mehr gibt.

STANDARD: Handelt es sich bei den vier Sonaten um Studioaufnahmen?

Pollini: Ja, aber es gibt etwa von der Appassionata auch einen Livemitschnitt. Es wäre sicher interessant, beide Versionen zu veröffentlichen. Von der Konzeption her sind beide Produktionen ähnlich, aber jeder Raum, jede Situation verändert den Geist einer Interpretation.

STANDARD: Da ja Beethoven auch Werke für Klavier zu vier Händen verfasst hat, läge es ja nahe, es auch einmal mit einem Klavierpartner zu versuchen. Haben Sie jemals im Klavierduo gespielt?

Pollini: Um ganz ehrlich zu sein: Wenn ich mit jemandem spielen sollte, bereiten mir unterschiedliche Klangvorstellungen im Bereich des Klaviers viel größere Probleme, als wenn ich etwa mit einem Sänger zusammenarbeite.

STANDARD: Sie sind jetzt gerade aus Japan zurückgekehrt, haben ein Projekt mit Werken alter italienischer, mit zeitgenössischer Musik absolviert. Wie darf man sich die Tage eines Maurizio Pollini in Mailand nach einer solchen Anstrengung vorstellen?

Pollini: Nun, ich hatte schon ein Konzert hier in Mailand, das nächste findet erst in mehr als einer Woche statt. Ich organisiere meine Konzerte natürlich auch so, dass ich zwischen den Auftrittsperioden einiges an freier Zeit habe. Meine jährlichen Konzerte zähle ich nicht wirklich, aber es sind wohl nicht mehr als 40.

STANDARD: Wenn Sie also genügend Zeit zur Erholung haben, dann könnten Sie doch neben aller Liebe zu den Werken Debussys beispielsweise auch etwas mehr Zuneigung zum Schaffen Ravels zeigen - auch im Hinblick auf den CD-Katalog der Deutschen Grammophon?

Pollini: In der Vergangenheit habe ich tatsächlich etwas Distanz zu den Werken Ravels gefühlt. Ich verspürte mehr Enthusiasmus für Debussy. Heute liebe ich Ravel sehr. Ich habe früher ja Gaspard de la nuit gespielt, aber insgesamt gesehen doch wenige seiner Stücke - auch die Konzerte nicht.

STANDARD: Das bringt mich natürlich auf den Gedanken, nach Komponisten oder auch speziellen Werken zu fragen, die Ihr Interesse in Zukunft wecken können oder schon geweckt haben.

Pollini: Sie wissen, das Repertoire für Klavier ist so reich und umfangreich. So gibt es die Möglichkeit, immer wieder jene Stücke zu spielen, die man auch zu jeder Zeit hören möchte. Dabei muss man eine Unterscheidung machen. Es gibt Werke, an denen man sich erfreuen kann, zu denen man dennoch keine starke Beziehung zu entwickeln vermag. Chopin wird im Zentrum meiner Arbeit bleiben. Ich erinnere an Furtwängler, der es für ein Privileg eines jeden Pianisten ansah, Chopin spie- len zu dürfen.

Bei den Schubert- Sonaten fällt mir die D-Dur-Sonate, D 850, ein, die ich noch nicht gespielt habe. Auch könnte ich mir vorstellen, neben den Stücken Nr. V, IX und X von Stockhausen noch weitere einzustudieren. An eine Aufführung der Sonaten Nr. 1 und Nr. 3 von Boulez habe ich noch nicht gedacht. Es könnte aber faszinierend sein, wenn Boulez seine Sonate Nr. 3 einmal vervollständigen würde. Ich sprach mit ihm darüber, aber er schien nicht danach gestimmt zu sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2003)