Wien - Ihren Dienstort haben sie in St. Pölten, ihren Wohnsitz in Wien, die Orte ihres Wirkens sind über ganz Niederösterreich verstreut. So ist es sicher nicht ganz falsch, wenn man die Damen und Herren des Niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters als fahrende Gesellinnen und Gesellen bezeichnet - und Gustav Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen als ihr tönendes Wahrzeichen.

Mit Letzteren haben sie nun auch dort Station gemacht, wo sie sich offenbar besonders wohl fühlen, im Großen Saal des Wiener Musikvereins. Und so, wie deren Darbietung und danach auch Bruckners 7. Symphonie gerieten, war diese der traditionsgeheiligten symphonischen Walstatt auch durchaus angemessen. Wolfgang Holzmair, der junge Meisterbariton, verlieh Mahlers zu Klang gewordenem Liebeskummer nicht nur adäquaten Ausdruck, sondern verdichtete diesen durch die beinah meditative Ruhe seines Vortrags auch zu zeitloser geistiger Gestalt.

Solche Verinnerlichung ist freilich nur möglich, wenn das sensibel gewirkte Gewebe der Instrumentalstimmen die stets changierende Fluoreszenz der Gefühle hörbar macht - und dies in steter Korrespondenz mit dem Solisten. Dass dies in so erstaunlichem Maße gelang, geht sicher zu einem guten Teil auf das Konto des jungen brasilianischen Dirigenten Roberto Minczuk, der nicht nur in leitender Position beim Staatlichen Symphonieorchester von Sao Paulo wirkt, sondern auch häufig an das Pult des London Philharmonic und des Hallé-Orchesters Manchester gerufen wird.

Minczuk hat die Kraft, sich auf Musik wirklich einzulassen, ohne diese in den Panzer erklügelter Formstrukturen zu pressen. Von diesem Wagemut profitierte vor allem auch Anton Bruckners 7. Symphonie. Diese sich immer wieder neu zu chromatischen und melodischen Ekstasen steigernde Trauermusik auf Richard Wagners Tod wurde nicht nach ihrer Architektur ausgeleuchtet, sondern in rhapsodischen Phasen fast frei nachgesungen.

Dass dies auf so eindringliche Weise geriet, ist das Verdienst des Orchesters, das die Impulse des Dirigenten mit erstaunlicher Disziplin expressiv und gleichzeitig kultiviert in Klang verwandelte. (vuji/DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2003)