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George W. Bush sah sich zu ersten Zensurmaßnahmen veranlasst

Foto: Reuters/Downing

Washington/Wien - Aus Angst vor Terroranschlägen mit Biowaffen setzen die USA auf eine heftig umstrittene Schutzmaßnahme: die Zensur wissenschaftlicher Arbeiten und Erkenntnisse. Auslöser für die laufende Debatte sind laut Fachmagazin New Scientist zwei bereits veröffentlichte Forschungsergebnisse.

Australische Wissenschafter listeten Punkt für Punkt auf, wie sie bei ihren Forschungen nach einem Empfängnisverhütungsmittel aus purem Zufall ein Supervirus entwickelt hatten: Sie hatten einen entschärften Mäusepockenerreger genetisch derart manipuliert, dass er den Mäuseorganismus zur Produktion von Antikörpern gegen reife Eizellen hätte anregen sollen. Stattdessen hatten sie jedoch ein Killervirus entwickelt, das sämtliche Labormäuse in wenigen Tagen umbrachte. Mit menschlichen Pockenviren wäre dies ebenfalls möglich.

Die zweite Studie, welche die Regierung von George W. Bush schließlich zu ersten Zensurmaßnahmen veranlasste, war von US-Forschern veröffentlicht worden. Sie beschrieben bis ins letzte Detail, wie man das Polio-Virus, den Erreger der Kinderlähmung, nachbauen kann: Infos über entsprechende DNA-Sequenzen könne man sich aus dem Internet herunterladen; gentechnische Apparaturen, um die Basenpaare zusammenzubasteln und in Virus-RNA umzuwandeln, seien in gut sortierten Fachhandlungen erhältlich. Dies funktioniere neben Polio auch mit Pocken, Ebola und anderen potenziellen Viren für Biowaffen.

Als erste Konsequenz begann Washington noch im September des Vorjahres, Hunderttausende US-Mikrobiologen schärfer zu kontrollieren: Mehr als 190.000 Biolabors, Unikliniken, Pharmafirmen und andere mussten Rechenschaft über ihre Arbeiten mit 38 auf eine wissenschaftliche Watchlist gesetzten Pathogenen ablegen. Laut jüngsten Vorschriften müssen alle Forscher, die mit einem dieser Stoffe hantieren, registriert sein - sie werden vom Justizministerium überprüft und erst bei unbeanstandetem Lebenswandel offiziell für diese Arbeiten zugelassen.

Publikationsverbot

Wissenschafter, die im Auftrag der Regierung arbeiten, müssen ihre Studienergebnisse vor Publikation von einem behördlichen Forschungsrat prüfen lassen - erst vor rund einem Monaten untersagte das Landwirtschaftsministerium der National Acedemy of Sciences die Veröffentlichung von Teilen ihres Berichtes über Agrarterrorismus. Darüber hinaus ließ die Regierung Bush prüfen, ob und wie Fachjournale gezwungen werden können, künftig jene Daten von einer Veröffentlichung auszuschließen, die Terroristen die Arbeit erleichtern könnten.

Der Widerstand gegen die behördliche Zensur von Forschung wird immer größer. Neben dem angesehenen Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston weigert sich nun auch die US-Gesellschaft der Mikrobiologen, weitere Zensurmaßnahmen zu akzeptieren. Also soll laut John Marburger, Regierungsbeauftragter für Wissenschaft und Technologie, nun ein System erarbeitet werden, nach dem sich die Wissenschaft selbst zensurieren kann - eine Art Code, nach dem sich Fachjournale und Publizierende richten sollen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 1. 2003)