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Elizabeth T. Spira

Foto: APA/Gindl

Wien – Frau Spira erzählt keine Lügen: Alles, was sie zeigt, gibt es. Und zwar genau so. So kläglich. So banal. So kleingeistig. Bloß hat Elizabeth T. Spira beim Filmen über die Jahre ein kleines Wort vergessen. Weggekürzt. Das Wort "auch": Alles, was sie zeigt, gibt es auch. Nebenbei und drumherum.

Manchmal übernimmt halt (ausgerechnet) die Kronen Zeitung jenen Part, den eigentlich Taktgefühl und die Regeln der Fairness obsolet machen sollten. Die eigene Leserschaft lässt sich Hans Dichand – um einen anderen Herausgeber zu zitieren – halt "nicht anbrunzen". Deshalb transportiert die Krone den Protest der Bewohner der Großfeldsiedlung gegen Spiras Film über ebendort. Und hat Recht.

Dabei funktioniert Spira so wie die Krone: Wahr ist, was in der Zeitung steht. Noch wahrer aber, was im Fernsehen ist. Und als Headline wie Titel funktioniert, was pauschal klingt, Stereotype bedient und Klischees unterstreicht. "Affirmativ" heißt das dazugehörige Adjektiv.

Außerdem unterhält ein abwägender Interviewter nicht. Aber ein hoffnungsloser Besoffener lässt Filmer- wie Seherherz frohlocken: Er schimpft, schiebt Wuchteln, ist wasauchimmerfeindlich – und singt sogar.

Freaks im Panoptikum

Es war Elizabeth T. Spira selbst, die einmal – sinngemäß – sagte, dass ab einer gewissen (niedrigen) intellektuellen Untergrenze kein Mensch sein Innerstes vor eine Kamera legt. Genau darum kommen in ihren Filme ja die Leute vor, die darin vorkommen: Freaks im Panoptikum.

Spiras Geständnis ist nichts Neues: Jeder, der einmal Fernsehen gemacht hat, erlebt, dass es vor der Linse kein Nein gibt. Und je tiefer die vor der Kamera auf der sozialen Leiter kauern, umso leichter glauben sie denen dahinter, dass ihnen hier – oft zum ersten und einzigen Mal in ihrer kleinen, kläglichen Existenz – wirklich zugehört wird. Das hat weniger mit Warhol als mit gelebter Hoffnungslosigkeit zu tun: Wahr ist, nicht was, sondern wer im Fernsehen ist.

Sich da schenkelklopfend vor dem Bildschirm über "die Prolos" zu amüsieren, ist bezeichnend. Für das Publikum. Sich für den bewussten Missbrauch Wehrloser feiern zu lassen – am liebsten als "intellektuelle" Filmerin -, letztklassig. Nicht erst seit die Krone ihre schirmende Hand über die Großfeldsiedlung hält: Gäbe es ein Antidiskriminierungsgesetz, könnte Elizabeth T. Spira längst keine "Alltagsgeschichten" mehr zeigen. Außer, sie machte sich die Mühe, auch das echte Leben zu zeigen. Aber das ist halt langweilig. Weil Alltag. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2003)