Nach Gesetz und Verfassung habe er keine Macht über Armee und Polizei zu jener Zeit gehabt, in der die ihm angelasteten Verbrechen an Kosovo-Albanern begangen wurden. Er sei somit weder "objektiv noch subjektiv" schuldig. So verantwortet sich der ehemalige serbische Präsident Milan Milutinovic, der sich am Montag dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stellte.

Ob er diese Verteidigungslinie im Prozess aufrechterhalten kann, wird vor allem davon abhängen, wie er sein Verhältnis zum prominentesten Angeklagten, seinem einstigen Mentor Slobodan Milosevic, darstellt. Als dessen Statthalter wurde er Ende 1997 zum serbischen Präsidenten gewählt, als dessen Vertrauter leitete er 1999 die Belgrader Delegation bei den (gescheiterten) Friedensgesprächen von Rambouillet.

Der Prozess gegen Milosevic ist seit längerem ins Stocken geraten. Wegen der angegriffenen Gesundheit des Angeklagten musste er bereits sechsmal unterbrochen werden. Hohes Fieber von Milosevic verhinderte auch die für gestern geplante Fortsetzung. Die Anklage erhofft sich vom Erscheinen Milutinovic' nun offenbar neue Dynamik. Dieser gab bisher nicht zu erkennen, ob er gegen seinen früheren Chef aussagen will. In einem Fernsehinterview meinte er freilich, er bereue den Tag, an dem er für Milosevic (der nicht mehr kandidieren durfte) ins Rennen um die serbische Präsidentschaft ging.

Rückendeckung erhält Milutinovic auch von der jetzigen serbischen Regierung unter Zoran Djindjic. Im Oktober 2000 habe er als damaliger Präsident wesentlich dazu beigetragen, dass der Machtwechsel unblutig verlief: Mit dieser Darstellung will Prowestler Djindjic offenbar das innenpolitische Risiko minimieren, das er mit der De-facto-Auslieferung von Milutinovic eingegangen ist, und seinem Erzrivalen Vojislav Kostunica keine neue Angriffsfläche bieten. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2003)