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Grafik: STANDARD/ Foto: Reuters

Wenn es nach ihm selbst ginge: Man müsste Harvey Weinstein als liebevollen Familienvater und Cineasten darstellen. "Kilometerweit bin ich einst als Junge zu Fuß gelaufen, nur um einen neuen Film von Truffaut zu sehen", erzählt er gerne in Interviews, und: "Meinen Kindern bin ich ein treu sorgender Vater. Ich und wild? Meine Frau hat zu Hause die Hosen an!"

An dieser Stelle lachen die Journalisten dann immer ein wenig verlegen, denn eigentlich geht Mr Weinstein nicht gerade der Ruf eines Mr Nice Guy voraus. Eher kann man sich vorstellen, dass er wie einst Al Capone Diskussionen schon einmal mit einem Baseballschläger beendet. Man weiß, dass selbst sein jüngerer Bruder Bob, mit dem er 1979 die Produktionsfirma Miramax gründete, den Kopf einzieht, wenn Harvey etwas will (Zitat: "Ich will doch nicht ins Krankenhaus!").

Und es ist mittlerweile eine legendäre Anekdote, dass Martin Scorsese, dessen Gangs of New York Weinstein zuletzt produzierte, nach einem längeren Anruf seines Partners das Telefon kurzerhand aus dem Fenster warf.

Kurz: Harvey Weinstein, 1952 in Queens, New York, geboren und wegen seiner Manieren schon als Rockkonzertveranstalter gefürchtet, tritt auf wie eine Idealbesetzung in Scorseses Mobster-Drama GoodFellas, gleichzeitig schwärmt er für europäisches Autorenkino wie ein französischer Feingeist - und wer letztlich festhalten will, wohin diese Mischung führen kann, der landet bei beeindruckenden Zahlen.

Rund 150 Oscar-Nominierungen hat er mit Miramax eingefahren, und insgesamt 42 Academy Awards haben die von ihm produzierten oder koproduzierten Filme erhalten. Sex, Lies and Videotapes, The Crying Game, Pulp Fiction, Krzysztof Kieslowskis Trilogie Drei Farben, The Piano, Shakespeare in Love und viele andere ungewöhnliche Erfolge bei Kritik und Publikum gehen auf sein Konto.

Und dass diese Erfolge als "independent" verbucht werden, ist ein wenig absurd: Weinsteins Vorbilder sind klassische Studio-Tycoons wie Louis B. Mayer oder David Selznick - die waren ebenfalls unbestritten feinsinnig im Geschmack, aber eher tough im Umgang mit Kreativen . . .

Sei's drum. Als zuletzt Gangs of New York als potenzielles Desaster gehandelt wurde und Miramax plötzlich als höchst gefährdet galt, sagte Weinstein nur: "Ja, ja. Ich habe ganz furchtbare Angst! Angst, dass ich nächstes Jahr noch erfolgreicher bin."

Tatsächlich: Alle großen Filme - Gangs, Chicago, The Hours -, die jetzt nach der Verleihung der Golden Globes als Oscar-Favoriten gelten, hat wieder einmal er zu verantworten. Alle laufen im Kino blendend. Gut möglich also, dass Martin Scorsese sich demnächst über ein neues, goldenes Telefon freuen darf. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2003)