Berichte der dunklen Stunden zwischen Tag und Nacht.
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Wien - Vor einem Jahr erlebte Sarah Kanes "4.48 Psychose", das letzte Stück der britischen Dramatikerin, die sich 1999 im Alter von 28 Jahren das Leben genommen hat, im Wiener Burg-Kasino seine österreichische Erstaufführung. Ab Donnerstag, dem 23. Jänner gastiert im Wiener Tanzquartier eine Aufführung des Schauspiel Frankfurt, die in Deutschland große Aufmerksamkeit erregt hat. Die Inszenierung stammt von der in Deutschland lebenden französischen Choreografin Wanda Golonka.

Protoll-Aufnahme eines Leidens

Regelmäßig um 4 Uhr 48 wachte Sarah Kane auf und durchlebte in dieser dunklen Stunde zwischen Nacht und Tag Momente größter Hellsichtigkeit. Das durch eine Psychose ausgelöste innere Chaos wurde dadurch allerdings nicht geringer. Mit größter Disziplin fertigte die Dramatikerin ein Protokoll jenes geistigen Zerfalls an, den sie gerade an sich selbst erlebte. Kurz darauf, im Februar 1999, wenige Tage nach ihrem 28. Geburtstag, erhängte sich Sarah Kane in einer Klinik, in die sie nach einem Selbstmordversuch eingeliefert worden war.

Alle/s in Bewegung

Wanda Golonka lässt in ihrer Interpretation einen Wald aus Schaukeln an langen Metallschnüren von der Bühnendecke herabhängen, die den ZuschauerInnen eine Sitzmöglichkeit bieten. Im offenen Monolog einer Frau bewegt sich die Berliner Schauspielerin Marina Galic durch die sich gleichfalls in Bewegung befindlichen ZuschauerInnen hindurch. "Jeder kann anders sitzen, es gibt keine Raumrichtung mehr, sie ist komplett aufgelöst. Man kann still für sich sein oder sich trösten mit dem Schaukeln, wenn vielleicht der Text zu viel wird, das ist dann auch eine andere Form da mitzuarbeiten," erläuterte Golonka ihr Konzept. Ihre Installation von 100 Schaukeln für 100 ZuschauerInnen stellt die Frage, wer schwankt und wer auf festem Boden steht.(APA)