Mit einer europaweiten Flugblattaktion haben Piloten gegen den Vorschlag des Europäischen Parlaments protestiert, die Flugzeiten drastisch auszudehnen. Es sei gefährlich, an vier aufeinander folgenden Tagen jeweils bis zu 13 Stunden zu fliegen, sagte der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Markus Kirschneck, am Dienstag in Frankfurt am Main. Am Wiener Flughafen in Schwechat sollten sich zu Mittag "alle Besatzungsmitglieder versammeln, um auch in Österreich in der Öffentlichkeit diesem sicherheitsrelevanten Luftfahrthema Nachdruck zu verleihen".

Sicherheitsprobleme durch Übermüdung befürchtet

Die Piloten fürchten um die Sicherheit an Bord auf Grund übermüdeter und überlasteter Besatzungen, sollte die Regelung vom Parlament in Brüssel verabschiedet werden. Die Pilotenvereinigung begrüßte den Versuch, eine einheitliche europaweite Regelung zu schaffen. Sie forderte jedoch, das Parlament müsse zuvor unabhängige Mediziner anhören.

reguläre tägliche Dienstzeit von 11 Stunden

Der von dem sozialdemokratischen EU-Parlamentarier Brian Simpson eingebrachte Vorschlag sieht für die Crew eine tägliche reguläre Dienstzeit von elf Stunden vor. Das wäre eine Stunde mehr, als die deutschen Piloten derzeit eingesetzt werden dürfen. Der Flugdienst soll darüber hinaus zusätzlich an bis zu vier Tagen hintereinander auf maximal 13 statt bisher zwölf Stunden ausgedehnt werden können. Das widerspreche allen medizinischen Erfahrungen, sagte der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Flugzeiten bei Cockpit, Carsten Reuter.

Konzentrationsschwäche und Sekundenschlaf

Als mögliche Auswirkungen längerer Arbeitszeiten befürchten die Piloten neben Konzentrationsschwäche und Sekundenschlaf auch die so genannte Zielfixierung und erhöhte Risikobereitschaft. Dabei versuchen Piloten unter allen Umständen, auf dem angepeilten Flughafen zu landen, auch wenn die Wetterverhältnisse ein Ausweichen erforderlich machten, erklärte Reuter. Die Auswertung des Absturzes einer American Airlines-Maschine beim Landeanflug auf den US-Flughafen von Little Rock am 1. Juni 1999 habe gezeigt, dass auch langjährige Erfahrung die Crew nicht vor diesen Ermüdungserscheidungen bewahre.

Bewegungsraum von etwa einem halben Quadratmeter

Im Vergleich zu anderen Arbeitsplätzen sei es für Piloten unmöglich, Müdigkeit durch frische Luft oder Bewegung zu bekämpfen, sagte Reuter. "Die Cockpittüren sind aus Sicherheitsgründen verriegelt und verrammelt." So bleibe den Piloten nur ein Bewegungsraum von etwa einem halben Quadratmeter. Gerade bei Nachtflügen sei das Dämmerlicht und das konstante Brummen der Motoren zudem ideal zum Einschlafen. Bei zu langen Arbeitszeiten bestehe die Gefahr, dass die Cockpit-Besatzung unter diesen Bedingungen in einen Zustand ähnlich einem Alkoholspiegel von 0,5 Promille verfalle. Sie sei dann nicht mehr fähig, ein Flugzeug zu führen, mahnte Reuter.

Weitere Streiks nicht ausgeschlossen

Mit Flugblättern versuchte die europäische Pilotenvereingung ECA, der rund 31.000 Piloten angehören, am Dienstag die Passagiere auf die Situation aufmerksam zu machen. "Wir starten moderat, da wir an die Vernunft der Politiker glauben", sagte Cockpit-Präsident Thomas von Sturm. Zu einem vierstündigen Pilotenstreik kam es in Italien, wo das Regelwerk schon im Vorfeld umgesetzt werden soll. Die Pilotenvereinigung Cockpit schloss Streiks in Deutschland nicht aus, sollten ihre Forderungen vom Europaparlament nicht berücksichtigt werden. (APA/AFP)