aus Paris

Paris - Der Marktleader der europäischen Luxusbranche, Louis-Vuitton-Moët-Hennessy, kurz LVMH, wirft der Londoner Abteilung der amerikanischen Investment- und Geschäftsbank Morgan Stanley vor, sie habe den Konzern mit "Fehlanalysen" und "Falscherklärungen" systematisch schlecht gemacht. Das Motiv sei laut LVMH klar: Morgan Stanley sei ein Hauptkunde des Luxusmarkt-Konkurrenten Gucci, habe sie doch auch den Börsengang der italienischen Firma organisiert.

So soll laut Anklage die Morgan-Stanley-Analystin Claire Kent über Jahre hinweg systematisch Negativtipps gebracht haben. Bei einem um 18 Prozent gestiegenen Halbjahresgewinn von LVMH habe sie zum Beispiel 2002 einen Abschlag von zehn Prozent eingeflochten - wegen nicht näher belegter "Wertminderung in der Vergangenheit". Bei den vergleichsweise schlechteren Resultaten von Gucci urteilte sie bedeutend weniger streng. Ein anderes Mal erwähnte Kent das "Risiko" einer Schlechterbenotung von LVMH, was die Finanzbranche hellhörig machte und die Kredite verteuerte, auch wenn sich die Befürchtungen Morgans als unbegründet erwiesen.

"Ausgezeichneter Ruf"

Morgan Stanley verteidigt sich mit dem ausgezeichneten Ruf ihrer Analystin. Die Bank verdächtigt LMVH-Präsident Bernard Arnault, er wolle sich bloß rächen, weil ihm der französische Kaufhauskonzern Pinault-Printemps-Redoute (PPR) Gucci vor der Nase weggeschnappt habe.

Der LVMH-Konzern verlangt 100 Mio. Euro Entschädigung. Seine Gerichtsklage macht deutlich, dass der Interessenkonflikt zwischen den Research- und Investmentabteilungen dieser Banken nicht nur in den USA, sondern auch in Europa besteht - und einer Lösung auf EU-Ebene harrt, sagen Experten. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Printausgabe 22.1.2003)