Wien - Der Leviathan war ursprünglich ein alttestamentarisches Seeungeheuer, spielt in letzter Zeit wieder eine bedeutende Rolle, quasi als Metapher. Thomas Hobbes hatte sich 1651 auf den Leviathan als aus einer Masse von Individuen zusammengesetzten Staatskörper bezogen, im Zusammenhang mit Frage um staatliche und kirchliche Macht und Repräsentation. Fragen, die sich in adaptierter Form auch heute wieder stellen, in der Zeit der transnationalen Netzwerke, von Weltbürgerschaft.

Seitdem Michael Hardt und Antonio Negri sich in ihrem Buch "Empire" auf Leviathan beziehen, sorgt das "kommunistische Manifest des 21. Jahrhunderts" (Slavoj Zizek) für Diskussionen. Das alte "Reich" wird da zum "Empire" des postmodernen Kapitalismus - ein weltumspannendes Netzwerk aus Institutionen, Medienkonzernen, informellen Organisationen etc.

Wie kann heute in Hinsicht auf diese Lektüren die Staatlichkeit gesehen werden? Diese Frage stellte sich das Team Cosima Rainer, Vitus Weh und Richard Brehm im quartier21 im Wiener Museumsquartier. Sie stellten eine äußerst anregende, kontroversielle Schau re: Leviathan - Visuelle Formierungen von staatlicher Macht zusammen, die Theorie mit konkreten Beispielen zusammenführt - kulturelle Studien sozusagen, die als Materialsammlung in Vitrinen lagert.

Ihr Fazit: So sehr sich staatliche Denkmodelle geändert haben, so sehr bleibt man in der Repräsentation auf alten, übernommenen Symbolen. Ein Klassiker ist der Adler, in den postkommunistischen Staaten wieder ganz en vogue. Marcel Brotheers schrieb Kunstgeschichte in seiner Adler-Sammelausstellung in den 60ern. Das "Branding" von Staaten nahm seinen Ursprung in den 30er-Jahren und erlebte seine schauerliche Präzision im Nazi-Deutschland. Mit "Cool Britannia" etwa gelang Werbestrategen ein perfektes kulturell-staatliches Branding anfang der Neunzigerjahre.

Nationenübergreifende Gebiete zeigt etwa die Landkarte mit "Steuerparadiesen" oder ein Modell der schwimmenden Oase "Freedom Ship". Der Doppeladler (Hardt/Negri), dessen Köpfe sich einander zuwenden und bekämpfen, wirft nur mehr verzerrte Schatten an die Wand - wie in der Installation von Linda Bilda. Alternativen zu althergebrachten Symbolen, etwa zu der in den 50er-Jahren entworfenen EU-Flagge, bastelt etwa Rem Kolhaas mit Umberto Eco. Sie transformieren alle europäischen Flaggen zu einem Strichcode, der auch als abstraktes Streifenbild gelesen werden kann.

Im Kapitel "Soziale Bausteine" stehen Bildstatistiken Otto Neuraths aktuellen computergenerierten Bilder gegenüber, die die Logik von Genoziden ins Visuelle übersetzen. "Temporäre Kollektive" wiederum setzt an bei Love Parades oder karnevalesken Demonstrationen. Eine noch bis nächsten Montag geöffnete, im April in die Kunsthalle Düsseldorf wandernde Ausstellung, über die der Brite sagen würde: Not to be missed. (Doris Krumpl/DER STANDARD; Printausgabe, 22.01.2003)