Beirut - Der erste Angriff der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah auf Stellungen der israelischen Armee seit über fünf Monaten am Dienstag kann nach Einschätzung diplomatischer Beobachter nicht zufällig erfolgt sein, während sich zur gleichen Zeit der US-Sondergesandte William Burns in der syrischen Hauptstadt Damaskus aufhielt. Bisher hatte Syrien, das noch rund 20.000 Soldaten im Libanon stationiert hat, den USA signalisiert, dass Aktionen gegen Israel im Fall eines Irak-Krieges unterbleiben würden.

Stunden vor Angriff hatte Gesandter in Beirut mehr Druck auf Hisbollah verlangt

Nur Stunden vor dem Hisbollah-Angriff auf die so genannten Shebaa-Ländereien hatte ein US-Parlamentarier, der republikanische Abgeordnete Darrell Issa aus Kalifornien, in Beirut von der libanesischen Regierung verstärkten Druck auf die Hisbollah verlangt, die von den USA als "terroristische Organisation" eingestuft wird, obwohl sie als legale politische Partei im libanesischen Parlament über eine eigene Fraktion verfügt. Der Libanon beansprucht die Shebaa-Ländereien, die von Israel besetzt sind, weil sie nach israelischer Auffassung ursprünglich zu Syrien gehörten und deshalb erst nach einem Friedensvertrag mit Damaskus geräumt werden sollen. Syrien anerkennt aber die libanesischen Territorialansprüche.

Die libanesische Regierung hat die Terrorismusvorwürfe von US-Präsident George W. Bush gegen die Schiiten-Organisation vehement zurückgewiesen; es müsse zwischen Terrorismus und Widerstand unterschieden werden, betonte Beirut. Auf der von der Europäischen Union erstellten Liste von Organisationen mit terroristischen Aktivitäten scheint die Hisbollah nicht auf.

Khatami: Hisbolla bleibe bis zum Ende der Okkupation bewaffnet

Israel hat dem Iran vorgeworfen, den Libanon mit der Aufrüstung der Hisbollah zu einem "gefährlichen Pulverfass" zu machen. In einer Botschaft an den libanesischen Staatspräsidenten Emile Lahoud hatte der iranische Präsident Mohammad Khatami erklärt, die Hisbollah bleibe "bis zum vollständigen Ende der israelischen Okkupation" bewaffnet.

Nach Beiruter Presseberichten finanziert der Iran die Hisbollah mit zehn Millionen US-Dollar monatlich. Die Miliz ist nach israelischen Informationen von Teheran mit Katjuscha-Raketen ausgestattet worden. Sie verfügt über annähernd 7000 ständige Kämpfer, kann aber weit mehr mobilisieren. Die Hisbollah ("Partei Gottes") wurde 1982 nach dem israelischen Einmarsch im Libanon auf Betreiben des iranischen Revolutionsregimes von Ayatollah Khomeini gegründet, der mehrere hundert iranische Revolutionsgardisten ("Pasdaran") mit dem Auftrag in den Libanon schickte, den "Kampf gegen die Zionisten aufzunehmen". (APA)