Mit der Politologin Ulrike Guérot, einer Spezialistin für deutsch-französische Beziehungen in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, sprach Alexandra Föderl-Schmid.


STANDARD: Wie würden Sie die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich charakterisieren?

Guérot: Es gibt eine neue Dynamik. Die Beziehungen waren schon längere Zeit schlecht in der ganzen Dekade der Neunzigerjahre. Es gab dann die Auseinandersetzungen um die Modalitäten der Währungsunion, und 1999 um die Agenda 2000. 2001 hat man dann gesagt, wir müssen alle sechs Wochen Gespräche auf höchster Ebene führen, um das zu verbessern. Die jüngste Intensivierung ist darauf zurückzuführen, dass man versucht hat wieder zueinander zu finden, weil man erkannt hat, ohne Deutschland und Frankreich geht nichts auf der Europaebene. Es gibt jetzt sehr viele Bestrebungen, was auch mit dem 40. Jahrestag des Elys´ee-Vertrags zu tun hat.

STANDARD: Altkanzler Helmut Schmidt hat gemeint, es gebe auf beiden Seiten gute Absich 2. Spalte ten. Aber es fehle die Einsicht, wonach es im vitalen strategischen Interesse beider Staaten liege, dass diese Zusammenarbeit wirklich funktioniere. Teilen Sie diese Ansicht?

Guérot: Da hat sich strukturell schon etwas verschoben und zwar derart, dass die EU-Erweiterung lange Zeit nicht als gemeinsames Projekt gesehen wurde. Frankreich hatte daran deutlich weniger Interesse. Weil das so war, hat man sich dann auch über die Finanzierung und die institutionellen Voraussetzungen dafür gestritten. Die Währungsunion war das letzte Projekt, das die beiden Staaten aus einem übergeordneten gemeinsamen Interesse verfolgt haben. Seit die Osterweiterung beschlossen ist, geht es auch wieder vorwärts. Wenn übergeordnete Interessen da sind, dann funktioniert der deutsch-französische Motor wunderbar.

STANDARD: Der frühere französische Präsident Fran¸cois Mit_ter_rand war sehr skeptisch ge 3. Spalte genüber der Wiedervereinigung. Wie sieht man in Frankreich jetzt jenes größere Deutschland, zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung?

Guérot: Mitterrand und die Regierungsbeamten waren sehr skeptisch, aber nicht die Bevölkerung. Aber auch diese Skepsis hat sich gelegt. Man hat nicht Angst vor einem starken Deutschland, sondern vielmehr vor einem schwachen, vor allem vor einem ökonomisch schwachen Deutschland. Man hofft in Frankreich sehr, dass Deutschland die Reformen im Renten- und Gesundheitssektor hinbekommt. Sonst hat ganz Euroland Schwierigkeiten. Frankreich hat auch Angst vor einem orientierungslosen Deutschland.

STANDARD: Was heißt orientierungslos?

Guérot: Es gibt im Moment verschiedene Signale aus Deutschland: Da gibt es die Anhänger eines föderalen Europa, zu denen Außenminister Joschka Fischer gehört. Bundeskanzler Gerhard Schröder betont die nationale Komponente mehr. Auch der deutsche Sonderweg in Bezug auf Irak wirft Fragen auf. Aber eine Grundangst vor den Deutschen gibt es nicht mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2003)