Kabul/Berlin - Wegen des Vorwurfs "unislamischer" Berichterstattung hat der Präsident des Obersten Gerichts Afghanistans fünf Fernsehsender schließen lassen. Der Oberste Richter kritisierte auch den gemeinsamen Schulunterricht für Mädchen und Jungen, der gegen das islamische Recht verstoße. "Leute, die Beschwerden beim Obersten Gericht (gegen die Sender) eingelegt haben, sagten, sie hätten halb-nackte Sänger und obszöne Szenen aus Spielfilmen gezeigt", sagte der Oberste Richter, Maulawi Fasl Hadi Shinwari am Dienstag. Das verstoße gegen den Islam und gegen die Moral. Deshalb habe er am Vortag Schließungsverfügungen erlassen, sagte Shinwari.

Die Betreiber der betroffenen Sender verwiesen auf ihre von der Regierung ausgegebenen Lizenzen. "Sie wussten, welche Art von Programmen wir ausstrahlen, als wir die Lizenz für den Sendebetrieb erhielten", hieß es. Weiter hieß es aus der selben Quelle, die Schließung der Sender sei Teil eines Machtkampfes zwischen radikal-islamischen und westlich orientierten Mitgliedern der Regierung von Präsident Hamid Karsai. Ihr gehören sowohl in westlichen Ländern ausgebildete Politiker als auch ehemalige Mudschahedin an, die in den 80er Jahren gegen die sowjetischen Besatzungstruppen gekämpft hatten.

Shinwari sagte ferner, gemeinsamer Unterricht für Mädchen und Jungen sei im Islam nicht gestattet, "und ich will, dass das Recht des Islam umgesetzt wird". Es komme nun auf die Regierung und das Bildungsministerium an, ob sie dem Gesetz folgten. Die Taliban-Regierung hatte Frauen jegliche Ausbildung verboten. Erst nach dem Sturz der Taliban im Dezember 2001 waren hunderttausende Mädchen wieder zum Schulunterricht erschienen.

Islam-Gelehrte sollen über TV entscheiden

Nach dem Verbot des Kabelfernsehens in Kabul und Jalalabad sollen Islam-Gelehrte über die Zukunft des Mediums in Afghanistan entscheiden. Das sagte der stellvertretende oberste Richter Fasal Ahmed Manawi am Mittwoch in Kabul. "Wir müssen untersuchen, ob Kabelfernsehen gegen islamische Werte und afghanische Moralvorstellungen verstößt oder nicht", sagte Manawi. Sein Chef, der oberste Richter Fasal Hadi Schinwari, hatte zuvor das Kabelfernsehen verboten. Auch die Taliban hatten das Fernsehen mit einem Bann belegt.

Schinwari hatte zur Begründung gesagt: "Kabelfernsehen unterhöhlt die Moral, und die Bevölkerung ist dagegen." Private Unternehmer empfangen seit dem Sturz des Taliban-Regimes in den großen Städten internationale Programme mit Satellitenantennen und verteilen sie per Kabel an Abonnenten weiter. Konservative Afghanen lehnen vor allem westliche Unterhaltungssender mit Softpornoprogrammen ab. (APA/Reuters/dpa)