Washington/Wien - Vorsicht, Feind hört - oder liest - mit: Unter diesem Motto hätte eine interne Weisung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld stehen können, mit der er in der letzten Woche die Mitarbeiter des Pentagons zum sorgsameren Umgang mit dem Internet ermunterte.

Seit dem 11. 9. 2001 sieht es die US-Regierung nicht nur mit Besorgnis, wenn Anleitungen zur Fabrikation biowaffentauglicher Viren im Internet publiziert werden. (DER STANDARD berichtete). Auch das, was im Pentagon selbst auf die Webserver gestellt wird, ist dem Ressortchef schon viel zu viel. Und das, obwohl seit eineinhalb Jahren Tausende auch nicht geheime ("unclassified") Websites auf Geheiß von oben offline genommen wurden.

"Würde man überlegen, was einem Feind nützen könnte, ehe man irgendeine Information ins Internet postet, dann könnte alleine dies viele Verwundbarkeiten beseitigen", schreibt Rumsfeld in seinem Memorandum. Er verweist auf ein in Afghanistan gefundenes Handbuch der Al-Kaida, in dem es heißt, durch die völlig legale Benutzung offener Quellen sei es möglich, "80 Prozent der nötigen Informationen über den Gegner zu bekommen". Man müsse, so Rumsfeld, davon ausgehen, dass Feinde der USA regelmäßig sensible Webseiten für ihre Zwecke durchsuchten.

Als Konsequenz weist Rumsfeld die Mitarbeiter an, der stattlichen Informationsmasse von 700 Gigabyte, die jetzt schon aus Pentagon-Quellen im Internet flottieren, nur dann noch Zusatzinformationen hinzuzufügen, wenn die vorgesehenen Sicherheitsprozeduren zuvor genau beachtet wurden. Datenschützer befürchten, mit diesem Ukas könnte fast jede taugliche Information von den Pentagon-Servern verschwinden, da ja fast jede Information in irgendeinem möglichen Kontext für den Feind von Nutzen sein könnte.
Rumsfelds Rundschreiben ist im Licht einer generelleren Sorge von US-Sicherheitsexperten zu sehen, dass über undichte Stellen ("leaks") geheime Information aus Regierungskreisen in Terroristenhände geraten könnte. Auch das beliebte Washingtoner Spiel, Journalisten aus taktischen Motiven Geheimnisse zu stecken ("leak of the week"), gerät dadurch zunehmend in Misskredit. (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2003)