Einer der letzten Sommertage war angebrochen, als ein ägyptischer Zeitungskolporteur auf der Wiener Friedensbrücke nach Messerstichen und Stockhieben liegen blieb. Passanten brachten den Mann ins Spital, er überlebte nach einer Notoperation. An dem Prozess wegen versuchten Mordes im Wiener Landesgericht sind 26 Menschen beteiligt. An der Tat selbst sollen es vier gewesen sein, zwei davon sind angeklagt, zwei angeblich "untergetaucht" oder "auf der Flucht" oder beides.

"Ich habe Barbarisches gesehen", sagt Ali. Geboren in Palästina, aufgewachsen in Frankreich. In Italien hat er sich in eine Asylantin vom Gazastreifen verliebt und ist ihr nach Österreich gefolgt. "Und was führt Sie in aller Früh auf die Friedensbrücke?", fragt der Richter. - Seine beiden Hunde. Und er wollte ein bisschen Kokain erwerben. Der Kolporteur hatte angeblich welches, aber kein gutes. "Das kannst du deiner Oma verkaufen", soll Ali geschimpft haben. Dann seien unvermutet drei Männer dazugekommen und hätten den Kolporteur niedergestochen. Das meint Ali mit "barbarisch".

Brötchen zahlen

Samir, der Zweitangeklagte, kommt aus Marokko. Seit vier Monaten lebt er illegal in Wien. Nach einem Hungerstreik wurde er aus der Schubhaft entlassen und suchte vergeblich nach Arbeit und Unterkunft. In jener Nacht war er in einer Bar hängen geblieben und hatte einen Algerier und einen Tunesier kennen gelernt, bei denen er schlafen durfte. "Und was machen Sie um sechs Uhr zehn auf der Friedensbrücke?" - Das war der Heimweg. Dort begegnete ihnen Ali. Er soll Streit mit einem Ägypter gehabt und Verstärkung gesucht haben. Die Begleiter gingen mit, Samir will die barbarische Sache aus der Ferne beobachtet haben.

Die Staatsanwältin erzählt die Geschichte anders: Eine Bäckerei hat Brot geliefert. Die Körbe standen vor dem Geschäft an der Friedensbrücke. Ali griff zu. "Das musst du bezahlen!", mahnte ihn der Kolporteur. Es kam zu einen Streit. Ali soll Passanten angepöbelt haben. Der Zeitungsverkäufer versuchte zu vermitteln. Ali ging und kam mit drei Männern zurück. Dann geschah "Barbarisches". Die Urteile stehen noch aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2003)