So wenig Markantes sie bisher zutage gefördert haben, über eines haben die Sondierungsgespräche zwischen ÖVP und SPÖ weit gehende Gewissheit gebracht: Sollten nun die Sondierungen in Verhandlungen münden und diese schließlich in eine große Koalition, wird deren Auftritt kein glanzvoller sein. Nichts berechtigt zu der Hoffnung, dass die bisher aufgetürmten Differenzen, die ständigen Forderungen, der jeweils andere möge sich gefälligst bewegen und weh tun müsse es ihm auch noch, könnten zu mehr gerinnen als zu mühsam zusammengeschusterten Kompromissen. Schon angesichts des Taktierens in den letzten Wochen verblassten die Hoffnungen, die die Freunde einer breiten, stabilen Mehrheit an die reformerische Durchschlagskraft der gemeinsamen achtzig Prozent knüpfen, während die blauen Gespenster der ungeliebten rot-schwarzen Koalition an Farbe gewinnen.

Noch wurde das nicht so deutlich ausgesprochen, von den einen nicht, weil sie die große Koalition, die sie aus Sittlichkeitsgründen anstreben, nicht selber von vornherein abwerten wollen, von den anderen - den Grünen und Blauen - nicht, weil sie bis zuletzt hofften, von Wolfgang Schüssel doch noch erhört zu werden. Das wird sich an dem Tag ändern, an dem sie diese Hoffnung begraben müssen. Echte Begeisterung für das großkoalitionäre Projekt war ja bisher nicht einmal bei denen festzustellen, die es zu wagen bereit sind. Sie dürfte sich auch kaum einstellen, wenn sichtbar wird, wie ihre einzige wirkliche Rechtfertigung - die oft beschworene große Staatsreform - bestenfalls als Reförmchen auf dem harten Boden föderalistischer Tatsachen aufschlägt. Und davon kann man nach den ersten Stellungnahmen zum Thema ausgehen.

Also wird man sich, auch wenn es lästig ist, nach längerer Zeit wieder mit jenem Randphänomen der österreichischen Innenpolitik beschäftigen müssen, dem aus der großen Koalition alter Prägung die meiste Kraft zugeströmt ist. Mit dieser hat Jörg Haider in einer kleinen Koalition nichts anzufangen gewusst und so letztlich das Tor zu den jetzigen schwarz-roten Gesprächen aufgestoßen. Nur seine Unberechenbarkeit, nicht etwa ein gravierender Unterschied zum Programm der FPÖ ist der Grund dafür, dass sich die ÖVP mit dem mangelnden Reformeifer der SPÖ herumärgern muss und wir nicht schon seit sechs Wochen eine Neuauflage der schwarz-blauen Wenderegierung haben.

Schon die Gefahr einer großen Koalition musste den Ich-bin-schon-weg wieder auf den Plan rufen, weil er sich als Landeshauptmann als das erste Opfer auf dem Altar einer schwarz-roten Einigung sehen darf. Eine solche machte für die SPÖ überhaupt nur dann Sinn, wenn sie sich unter Beihilfe der ÖVP den Landeschef in Kärnten als Trostpflaster auf die Wunde der Nationalratswahl picken darf. Mit einem solchen Erfolg könnte Alfred Gusenbauer jene SPÖ-Wähler bei der Stange halten, die ihm schon einen Bruch seines Versprechens, als Zweiter in die Opposition zu gehen, übel nehmen, von der Koalition mit Schüssel gar nicht zu reden.

Mit Jörg Haider wird also wieder stärker zu rechnen sein - auch innerparteilich. Wenn Herbert Haupt, der Parteiobmann mit dem Nullcharisma, von Schüssel düpiert mit leeren Händen in Opposition gehen muss, werden sich viele Kritiker Haiders seiner als letztlich doch einzig fähigen Hirten der blauen Herde erinnern. Osterweiterung und große Koalition werden ihm Stoff für Aschermittwochreden liefern, und Aschermittwoch ist jeden Tag. Die Neunzigerjahre kommen wieder, Nostalgie ist garantiert. - Aber gar keinen Fortschritt soll eine schwarz-rote Koalition bringen? (DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2003)