Paris/Prag/Moskau - Die linksliberale französische Tageszeitung "Liberation" schreibt am Mittwoch zum 40. Jahrestag des Elysee-Vertrages:

"Jacques Chirac und Gerhard Schröder haben tief in die Ideenkiste gegriffen, um zum 40. Jahrestag des Elysee-Vertrages die Illusion einer tiefen Freundschaft zu verbreiten. Der Treibstoff der Union ist ein Cocktail. Erforderlich sind ein großer politischer Wille, Wagemut und Zukunftsvisionen und vor allen Dingen viele Austauschprogramme zwischen den Kommunen. Zwar existieren diese Austauschprogramme, doch sie reichen noch nicht aus, um aus dieser Schmalspur-Union eine echte Union zu machen. Es wird noch lange dauern, bis angesichts unserer überwundenen und beschworenen Differenzen ein 'Frankdeutschland' (Francallemagne) gwird. Doch diese Verbindung wird das Rückgrad Europas. Andernfalls wird Europa dazu verurteilt, eine weiche Struktur zu bleiben."

Ähnlich fällt der Kommentar der konservativen französische Tageszeitung "Le Figaro" aus:

"Frankreich und Deutschland müssen die Kraft einer Überzeugung wiederfinden, einer Vision, die ganz Europa umwandeln könnte. Jacques Chirac und Gerhard Schröder haben die Notwendigkeit eines neuen Schwungs für die Europäische Union sehr wohl verstanden. Allerdings reicht es nicht aus, neue Institutionen zu schaffen, um den Alten Kontinent von seiner existenziellen Schwermut zu befreien. Es wird sich erst etwas ändern, wenn Europa die politischen und militärischen Verantwortungen seines wirtschaftlichen Gewichts übernimmt. "Die Berufung des deutsch-französischen Paares ist Europa und die Berufung Europas ist die Welt", hat de Gaulle gesagt."

Aber auch in anderen Ländern beschäftigt das Erreignis die Presse am Mittwoch. Die konservative tschechische Tageszeitung "Lidove noviny" meint:

"Funktioniert der französisch-deutsche Motor, funktioniert auch der Motor der Europäischen Union - sagt man. Und in den vergangenen Tagen lief der Motor mit voller Umdrehungszahl: Paris und Berlin schlugen die Direktwahl eines "Europa-Präsidenten" vor und begannen mit dem Formen einer "europäischen Diplomatie". Dabei zeigt sich: Wenn die Einheit Europas das Ziel sein soll, ist eine Einigung Deutschlands und Frankreichs der einzige gangbare Weg. Es gab schon viel zu viele Gipfeltreffen, auf denen Staaten nur eigene Interessen durchsetzten. Das Ergebnis waren problematische Kompromisse. Das ist kaum der richtige Weg. Deshalb ist die KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) handlungsunfähig, und deshalb sind auch die Vereinten Nationen handlungsunfähig. Und die gleiche Handlungsunfähigkeit droht der EU. Ein deutsch-französischer Zusammenschluss wäre jedoch ein harter Kern in der EU, dem sich andere Länder sinnvoll anschließen könnten."

Die russische Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta" beleuchtet den Blickwinkel Londons:

"Das politische Jubiläum in Paris hebt die Bedeutung Frankreichs als eine der einflussreichsten Mächte in Europa. Das Wort der Regierung in Paris gewinnt nicht nur in europäischen Angelegenheiten, sondern auch in weltpolitischen Fragen wie dem Irak-Konflikt an Bedeutung. Die enge Zusammenarbeit mit Frankreich stärkt auch die Deutschen, die zwar ein großes Militärkontingent der USA in ihrem Land haben, aber nicht immer mit dem Verbündeten jenseits des Ozeans übereinstimmen. Die neue Belebung der Achse Berlin-Paris ruft in London Argwohn und Ärger hervor, denn das bisherige Machtdreieck der drei Länder tritt in den Hintergrund. Die größten Konflikte stehen noch bevor. Das Schicksal der französisch-deutschen Initiative steht noch längst nicht fest."

"Deutsche und Franzosen verbindet - jenseits alles Offiziellen und Regierungsamtlichen - eine beinahe ideale Nachbarschaft", schreibt am Mittwoch die "Berliner Zeitung" .

"Mehr als zehn Millionen Deutsche reisen jedes Jahr nach Frankreich; sie kennen Paris, die Bretagne, die Provence. Auch wenn Deutschland umgekehrt als Reiseziel weniger attraktiv für die Franzosen ist: Man bewundert BMW, man feiert Ute Lemper, man spielt gegeneinander Fußball, ohne alte Ressentiments zu wecken. Auf der britischen Insel ist das bis heute anders. Die deutsch-französische Aussöhnung ist zum Vorbild geworden, etwa für die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen."

"Wenn sich also Frankreichs Marianne und Deutschlands Michel verstehen, ist es dann noch wichtig, dass Jacques Chirac und Gerhard Schröder miteinander auskommen? Doch, das ist wichtig - für Europa. Gemeinsam ist Deutschen und Franzosen, dass ihnen Europa selbstverständlich geworden ist. Aber die EU ist nicht fertig. Sie hat der Supermacht Amerika wenig entgegen zu setzen, weil sie immer noch keine gemeinsame Außenpolitik hat, keine gemeinsame Verteidigung, weil die politische Integration der wirtschaftlichen hinterher hinkt. Je mehr Mitglieder die EU hat, desto schwieriger die weitere Integration. Wenn Deutschland und Frankreich Europa nicht voran bringen, wer dann? Also, Herr Schröder und Monsieur Chirac: Feiern Sie heute, was Ihre Vorgänger auf den Weg gebracht haben. Aber bringen Sie auch selbst etwas auf den Weg. Damit es morgen noch Grund zum Feiern gibt!"

(APA/dpa)