Wien - Die Luft an den Anleihemärkten droht nach den fantastischen Zugewinnen seit Ende des Aktienbooms 2000 "zunehmend dünner" zu werden. "Sollte sich die Konjunktur nur einigermaßen stabilisieren - wovon wir ausgehen - und ein allfälliger bewaffneter Irak-Konflkikt rasch über die Bühne gehen, erwarten wir eine Korrektur an den Bondmärkten", sagte Vontobel Asset Management-Chefstratege Thomas Steinemann am Mittwoch vor Journalisten. Bei einem Anspringen der Aktienmärkte, deren Aussichten Steinemann als neutral einstuft, drohe Anleihebesitzern ein "schmerzhaftes Erwachen".

Mit gemischten Gefühlen betrachtet Steinemann die "eher etwas optimistischen" Analystenprognosen für die Unternehmensgewinne an den Aktienmärkten, die heuer in Europa um 35 Prozent höher als 2002 ausfallen sollen. Der Markt schenke diesen Prognosen aber wenig Glauben und gehe, wie interne Vontobel-Berechnungen ergeben hätten, von geringeren Gewinnsteigerungen aus. Daher sieht der Vontobel-Experte einen Spielraum, sollten die Analysten im Jahresverlauf neuerlich ihre Prognosen - wie in den letzten beiden Jahren - nach unten korrigieren müssen.

"Fragile Weltwirtschaft"

Für die "fragile Weltwirtschaft" geht Steinemann von verhaltenen Wachstumraten aus: "Wir erwarten weiterhin bescheidene Zahlen für 2003, aber keine Rezession." Deflationssorgen seien unberechtigt, außer in Deutschland, das sich in "eine vertrackte Situation hineinmanövriert" habe. Die Europäische Zentralbank (EZB) müsste eigentlich die Zinsen weiter senken, stehe aber vor dem Problem einer sich vergrößernden Wachstumsschere innerhalb der EU: Während die Randmärkte liefen, zeigten die Kernmärkte kaum Wachstum.

Angesichts sich ausgleichender Chancen und Risiken an den Aktienmärkten empfiehlt Steinemann eine neutrale Aktienquote. Nach Regionen aufgeschlüsselt empfiehlt er Europa und die USA überzugewichten, während Japan und die Schweiz untergewichtet werden sollten. Besonders positiv steht Steinemann Asien ohne Japan gegenüber: "Eine Wachstumsregion, auf die wir uns konzentrieren sollten." An den Rentenmärkten rät er zu Unternehmensanleihen und empfiehlt Staatsobligationen, insbesondere aus den USA wegen des Dollar-Risikos, geringer zu gewichten.(APA)