Als der Musiksender VIVA in den 90ern antrat, um mit der Ausstrahlung von Videoclips zu Prolo-Techno und Golf-GTI-House den Konkurrenzsender MTV noch zu unterbieten, ahnte niemand, dass ausgerechnet dort einmal das letzte vernünftige Musikmagazin im Kabel-Empfangsbereich zu sehen sein würde: "Fast Forward".

Während bei MTVIVA sonst Mensch gewordene Blondinenwitze männlicher und weiblicher Natur öffentlich Kämpfe mit ihrer Muttersprache austragen und eventuell zu vermittelnde Inhalte deshalb gänzlich vernachlässigen, kann man Charlotte Roche von "Fast Forward" gewissermaßen als das verbliebene Stammhirn des Musikfernsehens bezeichnen.

Roche führt unterhaltsam intelligente Interviews mit so Brocken wie Lemmy Kilminster von Motörhead und lässt sich auch nicht irritieren, wenn etwa Mike Skinner alias The Streets während dem Gespräch die Einrichtung des Studios zu dessen Nachteil verändert.

Am Dienstag schließlich zeigte Roche das neue Video von Johnny Cash. Cash, demnächst 71, ist darin als der alte, schwer kranke Mann zu sehen, der er ist: Ungeschönt, mit einem Bein bereits auf der anderen Seite, zeigt das Video zu "Hurt" einen Mann, der angesichts des Todes unglaubliche Kraft und Würde erhält.

Dass dort, wo sonst austauschbare Dummies gegen ihre Halbwertszeit ankämpfen, ein Clip läuft, der gewissermaßen das "wirkliche Leben" zeigt, darf man fast als ein kleines Medienwunder werten. Möge beiden, Cash und "Fast Forward", noch ein langes Leben beschieden sein. (flu/DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2003)