Die Krankenschwester und der Taxler, der Trafikant und die Verkäuferin, die Beamtin im Passamt und der Bankier - viele Menschen fragen dieser Tage die aus dem Fernsehen oder den Zeitungen bekannten Kommentatoren und Politiker, ob es einen Krieg im Irak geben wird. Man spürt die diffuse Kriegsangst auch in Europa, keineswegs also nur in den direkt betroffenen Ländern des Nahen Ostens oder in den USA bzw. Großbritannien).

Am kommenden Montag präsentiert UN-Chefinspektor Blix den Bericht zum Irak an den Sicherheitsrat. Dieser wird dann beschließen müssen, welche Konsequenzen die Vereinten Nationen daraus ziehen.

Vom Papst bis John Le Carré, von Günter Grass bis Konstantin Wecker findet das "Nein" zum Krieg der zahlreichen Friedensdemonstranten prominente Unterstützung. Dass dabei die Klischees aus der NS-Zeit und von den kommunistischen Propagandisten ("Weltherrschaft für die amerikanische Hochfinanz", "Erdöl-Interessen", "Ausbeutung der Armen") in den von tiefem Misstrauen geprägten Stellungnahmen auch zum Tragen kommen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Hat nicht die einstige sozialdemokratische Justizministerin in Deutschland vor einigen Monaten US-Präsident Bush mit Adolf Hitler verglichen? Wurde der kriegslüsterne Diktator, der 1988 Giftgas gegen die kurdische Zivilbevölkerung eingesetzt und dessen Kriege gegen Iran und Kuwait hunderttausenden Menschen das Leben gekostet hat, nicht in den 80er Jahren von der CIA, von der Sowjetunion und mit Atomreaktoren und Chemiefabriken von westlichen Unternehmern unterstützt? Der anwachsende pazifistische Grundstrom der westlichen Gesellschaften ist also mehr als verständlich.

Und trotzdem bleibt die Tatsache unbestritten, dass Europa seine Befreiung von Hitler und Stalin amerikanischen Waffen und amerikanischer Entschlossenheit verdankt und dass die amerikanische Militärmacht auch heute, wenn es hart auf hart kommt (Balkankrieg, Erpressung mit Terror-Waffen etc.), unverzichtbar ist.

In Wirklichkeit geht es auch bei den Verbündeten der USA um die Risiko-Abwägung, ob präventive Intervention gefährlicher ist als die tief verwurzelte Neigung der Europäer, keinen Regimewechsel mit Gewalt zu erzwingen und eher auf Zeitgewinn zu setzen. Viel, wenn nicht alles hängt freilich vom Verhalten des Diktators in Bagdad ab. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ein Krieg noch abwendbar ist.

Keine US-Regierung hat derart konsequent das Primat der Entscheidungs-und Handlungsfreiheit für sich in Anspruch genommen wie die gegenwärtige. Der Widerspruch der amerikanischen Hegemonie liege jedoch darin, dass ihre Bedeutung im Moment größter Machtfülle bereits im Schwinden begriffen sei. Das ist die Kernthese des angesehenen Harvard-Professors und stellvertretenden Verteidigungsministers in der Clinton-Regierung, Joseph Nye Jr. in seinem neuen Buch, in dem er für eine "sanfte Hegemonie" im Zeichen der internationalen Zusammenarbeit ("Multilateralismus") plädiert. Nach weltweiten Umfragen ist die Anziehungskraft der USA in 19 von 27 Ländern wesentlich gesunken. Die "Arroganz der Macht" löst statt Bewunderung Befremden aus.

Bisher verhallt das Plädoyer Nyes und anderer amerikanischer Kritiker für den weisen Umgang mit der Macht in Washington ungehört. Die Bush-Regierung scheint den Medienkrieg um die öffentliche Meinung in der Welt bereits verloren zu haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2003)