Foto: Der STANDARD/FEMS

Im Januar 2001 stieg ein Wetterballon von Südindien aus mehr als 40 Kilometer hoch in die Stratosphäre an die Grenze zum Weltraum. Dabei wurden auch einige Luftproben eingesammelt. Erstaunlicherweise enthielten sie lebende Zellen. Es stellte sich die Frage, ob die Organismen von der Erde stammten oder aus dem All.

Nun berichtet Milton Wainwright von der Universität Sheffield in FEMS Letters, einem Magazin für Mikrobiologie, dass es ihm gelang, Mikroben aus einem der winzigen Zellhaufen zu isolieren. Es handelt sich um zwei Bakterien der Arten Bacillus simplex und Staphylococcus pasteuri und einen Pilz der Art Engyodontium album. Die Organismen ähneln, so Wainwright, zwar Exemplaren, die man von der Erde kennt. Gleichwohl unterscheiden sie sich in einigen Merkmalen, was auf eine außerirdische Herkunft hindeuten könnte. Wainwright schließt aus, dass die Mikroben während der Untersuchungen in die Proben gelangt sind. Und wie Mikroben vom Erdboden in 40 Kilometer Höhe gelangen könnten, ist unklar.

Wainwright gibt zu: "Natürlich wäre klarer, dass die Winzlinge aus dem Weltraum stammen, wenn wir völlig neue Arten isoliert hätten", aber auch Chandra Wickramasinghe, Ko-Autor der Studie, pocht auf die Alien-Hypothese: Er ist Urheber der "Panspermie"-Theorie, derzufolge sich Sporen auf Kometen über das gesamte Universum ausbreiten. Sporen sind von einer Schutzkapsel umgebende Zellen von Mikroorganismen, die vorübergehend auf keinen Stoffwechsel angewiesen sind. Dass Sporen unter den extremen Bedingungen des Weltalls überleben können, haben Versuche des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) gezeigt.

Gerda Horneck, Biologin am DLR, favorisiert eher die "Litho-Panspermie"-Theorie, derzufolge Mikroben mit Meteoriten auf die Erde gelangt sein könnten. Schon ein zwei Meter großer Gesteinsbrocken könnte Sporen in seinem Innern eine Millionen Jahre vor der kosmischen Strahlung schützen. Einen Einschlag auf der Erde würden viele Sporen überstehen.

Den Beleg, dass Meteoriten quasi als Weltraumtaxi fungieren, lieferte jetzt eine Forschergruppe um Keiko Nakamura von der Kobe-Universität in Japan. Auf einem vor drei Jahren in Kanada abgestürzten Meteoriten haben sie Kohlenwasserstoff, das Grundmolekül alles Organischen, gefunden.

Damit aus Kohlenwasser- stoff und anderen primitiven Molekülen Aminosäuren, die Grundbausteine des Lebens, entstehen können, braucht es anscheinend keine besonderen Bedingungen. Forscher vom Max-Planck-Institut für Aeronomie haben die Umweltbedingungen im Weltraum simuliert und aus diesen Ursubstanzen 16 Aminosäuren hergestellt. "Die Experimente haben gezeigt, dass herabstürzende Kometen organische Moleküle auf die Erde brachten, die zur Entstehung des Lebens beitrugen", sagt Helmut Rosenbauer vom MPI. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 1. 2003)