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Standortsuche vor dem Elysée: Jaques Chirac empfängt Gerhard Schröder.

Foto: APA/EPA/AFP/Patrick Kovarik

Wien - "Eine gallo-germanische Republik? Was für ein Unsinn", schrieb Peter Glotz, der Vorzeigeintellektuelle in der deutschen SPD, einmal Mitte der 90er-Jahre und bewies damit überraschend viel Einfühlungsvermögen in die Stimmung des deutsch-französischen Fußvolkes. Denn dort unten, bei Urlaubern, Schülern und Zaungästen von Staatsbesuchen, haben die Beschwörung der deutsch-französischen Freundschaft und der halbjährliche Konsultationsreigen der Regierungen, den der Elysée-Vertrag von 1963 einleitete, natürlich längst den Glanz des Neuen verloren. Schlimmer noch: In 40 Jahren staatlich verordnetem "Deutschfrankreich" hat sich das Verhältnis der Nationen auch nicht wirklich erneuert. Im Westen nichts Neues eben.

Schon Anfang der 70er-Jahre probten Deutsche und Franzosen gemeinsame Regierungssitzungen, fuhren den Rhein bei Bonn mit dem Schiff auf und ab und langweilten sich schrecklich. Bereits bei Adenauers zweitem Besuch bei Charles de Gaulle 1959 schlug der General dem damaligen Kanzler schlicht die Zusammenlegung beider Staaten vor. Seitdem tauchen - vornehmlich in Paris - in schöner Regelmäßigkeit Vorschläge für einen Zweibund auf oder wenigstens zur Neufassung des Elysée-Vertrages, ohne dass die Bürger jemals ihren Wunsch nach einer Verschweißung ihrer beiden Länder bekundet hätten.

Der jüngste Vorschlag der EU-Kommissare Verheugen und Lamy für einen deutsch-französischen Staatenbund macht diesen Fehler nicht mehr und schleicht sich über den Umweg der steten Vergemeinschaftung in der Europäischen Union heran: Warum, so fragen sie, sollten Paris und Berlin nach Osterweiterung, Währungsunion und deutsch-französischer Brigade nicht noch ein wenig näher zusammenrücken? Mit "Stabilitätskultur" und gemeinsamen Leitlinien für die Haushalts-und Steuerpolitik wollen die EU-Kommissare locken. "Machen wir es uns also zur Regel, in allen wirtschaftspolitischen Fragen zu identischen Standpunkten zu gelangen." Doch die Gleichschaltung der politischen Debatten in Deutschland und Frankreich wäre wohl das Letzte, was sich ihre Bürger wünschten.

Wie wenig reizvoll jetzt schon Frankreich als Impulsgeber ist, zeigt sich etwa bei Volkswirtschaftsstudenten in Berlin oder Frankfurt: Angehende Manager in Deutschland gehen nach London oder an die Ostküste der USA, kaum an eine der Elitehochschulen in Paris. Die Malaise beginnt schon früher: Nur noch 16 Prozent der Franzosen lernen Deutsch (Spanisch ist ihnen wichtiger); 15 Prozent sind es umgekehrt in Deutschland, die sich mit Französisch anfreunden wollen. Nach Frankreich fährt man vielleicht in den Urlaub, Deutschland aber taucht nicht einmal in den französischen Medien wirklich auf. Die klischeebehaftete Antipathie früherer Zeiten ist heute einer freundlichen Gleichgültigkeit gewichen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2003)