Jetzt, nachdem die Flugbegleiterinnen die Spuren des dreigängigen Flugmenüs aus dem Steirereck von Helmut Österreicher beseitigt haben, kann man im vorderen Teil der Kabine dieses Lufthansa-Jumbojets die Faszination erkennen, die noch immer vom Internet ausgeht:

Reihe um Reihe sitzen Passagiere konzentriert vor den leuchtenden Monitoren ihrer Notebooks, schreiben Mail, lesen Nachrichten, informieren sich über die Stadt, in der sie in wenigen Stunden landen werden. Nur wenige ziehen es vor zu schlafen oder auf dem kleinen, im Sitz eingebauten Schirm einen von sechs angebotenen Filmen zu verfolgen - noch vor wenigen Jahren Inbegriff moderner Unterhaltungstechnik an Bord eines Fliegers.

Zwischen den Abteilen vor den Notausgängen machen die Flugbegleiterinnen Pause - mit einem Notebook auf den Knien, das drahtlos mit dem Internet verbunden ist.

"Die Crews", erzählt Bernhard Conrads, Engineering Chef von Lufthansa Technik, "sind wahrscheinlich am glücklichsten" über die neuen technischen Möglichkeiten an Bord dieses Lufthansa-Jumbos: Endlich können sie so wie andere Menschen auch während der Arbeit gelegentlich Kontakt zur Außenwelt aufnehmen. Inzwischen ist die Zeit - nun, wie im Fluge vergangen.

10.700 Meter Höhe, 900 Stundenkilometer über Grund, noch 1546 Kilometer, zwei Stunden fünf Minuten bis Washington. Draußen hat es minus 59 Grad, unten liegt Montreal, sagt das Bordinformationssystem.

Würden wir nicht von Zeit zu Zeit einen Blick auf den kleinen Sitzplatzschirm werfen, der unseren Standort anzeigt, oder aus dem Fenster auf die Wolken sehen wäre es nicht viel anders als wie ein Tag im Büro vor dem Bildschirm oder zuhause mit einem Notebook auf den Knien.

Die Internetverbindung funktioniert nach Erreichen der Reiseflughöhe bis kurz vor der Landung ohne Schwierigkeiten und Unterbrechungen etwa in dem Tempo, dass ISDN-Anschlüsse bieten. Auch private Firmennetze (VPN) können genutzt werden, Zeichen für eine relativ hohe Verbindungsqualität. Seit einer Woche fliegt die "Sachsen-Anhalt" einmal täglich um 13.10 Uhr ab Frankfurt nach Washington, D.C., um 17.55 Ortszeit wieder zurück, Internet an Bord. Die Lufthansa hat mit diesem Jumbo eine Lücke in der Internetversorgung geschlossen: Die Boeing 747 ist das erste Linienflugzeug mit einem Breitband-Internetanschluss an Bord.

Und wie ein Gang durch die Kabine zeigt: Die Leute "fliegen" auf das Angebot.

Mit einer Spitzenauslastung von rund 90 Usern, die gleichzeitig online sind, verzeichnet das "Flynet" an diesem 21. Jänner 2003 nach Angaben eines Flynet-Assistant einen neuen inoffiziellen Rekord; bei der Eröffnung vor einer Woche waren es rund 70 User, die gleichzeitig online waren.

Etwa ein Drittel der Ladung des Jumbos benutzt pro Flug im Durchschnitt bisher das fliegende Internet. FlyNet, so heißt das Internetservice der Lufthansa, befindet sich in der Testphase - ein Glück für die Passagiere zwischen Frankfurt und Washington, die so unentgeltlich zu einem Service kommen, dass nach seiner serienmäßigen Einführung rund 30 bis 35 Euro Flatfee pro Flug kosten soll.

Bis Mitte April wird das Angebot getestet; drei spezielle FlyNet-Assistentinnen und Assistenten sind zur Unterstützung an Bord, zusammen mit 42 Lifebooks von Fujitsu Siemens, die ausgeborgt werden können.

Nach Ende der Testphase will Lufthansa ihre Erfahrungen auswerten und das endgültige Produkt entwickeln, sagt Lufthansa Technik Vorstand August Henningsen. Ab Mitte 2004 beginnt Lufthansa mit der Ausstattung ihrer Langstreckenjets. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 23. Jänner 2003)