+++ PRO

Ljubisa Tosic

Seit jener fernen Zeit, da wir bananenschälend auf Ästen balancierten, hat sich Bedeutendes getan. Es ward uns die Sprache geschenkt, Messer und Gabel wurden uns in die Hand gedrückt, und um sicherzustellen, dass wir nicht in alte Essensscharmützel verfallen, hat man Regeln und Begriffe ersonnen, uns ein zurückhaltend-soziales Schmausverhalten schmackhaft zu machen. Anstandshappen etwa. Unser Hohelied auf das letzte Essstück soll jedoch nicht in dem Sinne verstanden werden, dieses in jedem Fall übrig zu lassen, um als edel dazustehen. Wir verstehen den finalen Happen eher als subtil-gemeinen Wink an den Gastgeber. Dies kann sich paradoxerweise im Stehenlassen wie auch im Verzehr des Happens äußern. Es setzt dies indes eine Unart des Gastgebers voraus, den Futtergeiz, eine verquere Erfindung der Überflussgesellschaft. Einladen und dann zu wenig servieren. Na warte! Manchmal reicht es, das letzte Stück justament zu verschlingen und den Geizigen um die Rechnung zu bitten. Spielt er mit, geben Sie ihm unbedingt Trinkgeld.

Sind Sie wirklich sauer, rühren Sie den letzten Happen jedoch nicht an und erkundigen sich beim Gastgeber nach dem nächsten Würstelstand. Oder Sie rufen einen Pizzaflitzer an und bestellen. Sollte es dann immer noch nicht zum Eklat gekommen sein, bitten Sie den Gastgeber, die Rechnung zu begleichen. Hat er es richtig gemacht, erübrigt sich alles. Dann herrscht das Wohlgefühl der Übersattheit, dann wurde bewusst zu viel aufgetischt, sodass gar nichts anderes übrig bleibt, als zu kapitulieren und ein Kollektiv von Happen stehen zu lassen.

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---CONTRA

Samo Kobenter

Bei uns hieß es, genauer er, Bauernanstand. Passiv betrachtet, also wenn ihn jemand übrig ließ, um sein überhohes Maß an Noblesse zu dokumentieren, die dem Gastgeber beschied, er - der Anstand - möge ihm doch im Geizhals steckenbleiben. Denn wir im Süden hielten es, als Gast wie als -geber immer mit byzantinischer Großzügigkeit, die dem einen befiehlt, von allem viel zu viel aufzutragen und dem anderen, dass Nehmen noch seliger ist als Geben, weil es den Gastgeber metaphysisch beglückt: Er ist zwar mehr los, als er sich leisten wollte, darf sich aber am schamlosen Versuch der Freunde erfreuen, ihn kahl zu fressen. Höchste Achtung erfuhr, wer so viel bereitstellte, dass es sein und unser Anstand verbot, den verbliebenen Rest als Happen zu bezeichnen. Unglaubliche Häme, wer ein Gelage allein mit diesem zu bestreiten versuchte.

So lebten wir alle Tage und veranschlagten vergnügt die Lewonzen, die wir verprassten, um eine ungefähre Berechnungsbasis für die Aufwartung zu erreichen, die uns im Ausrichtungsfall abverlangt wurde. Wir erfuhren solcherart viel über die Verbindungswege zwischen Sinn und Sinnlichkeit und suchten, als die Zeit kam, unsere kulinarischen Erfahrungen auf die erotischen zu übertragen, die uns bestätigten: Der Stich, den der Anstand am Spieltisch der Lust macht, indem er bloß einen Happen nimmt oder übrig lässt, befriedigt nur sich selbst und wird daher nicht eben geschätzt. (Der Standard/rondo/24/1/2003)