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Wien - Wohnen wird in den kommenden Jahren spürbar teurer. Sowohl die Mieten als auch die Preise für Eigentumswohnungen werden bundesweit anziehen, hauptsächlich aber in und um Wien, wo sich die EU-Erweiterung Mitte 2004 und der in den vergangenen beiden Jahren erfolgte Einbruch im Wohnungsneubau auswirken wird. Diese übereinstimmende Meinung vertraten am Donnerstag Immobilienexperten bei einem Pressegespräch in Wien.

Die derzeitigen Nettomietpreise von durchschnittlich 4 bis 5 Euro über den gesamten Wohnungsbestand "werden sich in den nächsten vier, fünf sechs Jahren in Richtung 6 Euro entwickeln", zeigte sich Thomas Malloth, Präsident des Österreichischen Verbands der Immobilientreuhänder (ÖVI) überzeugt. Die Konsumenten sollten "jetzt kaufen oder mieten, weil billiger wird es wohl nicht werden".

Anstieg im zweiten Halbjahr

Nach Jahren stagnierender Preise könnte diese Entwicklung im zweiten Halbjahr 2003 einsetzen, glauben die Immobilienexperten. Die Situation ist jedoch bundesländerweise und je nach Wohnungstypen sehr unterschiedlich. In Wien zum Beispiel gibt es nach wie vor zahlreiche unvermietete Garconnieren, in Klagenfurt sind die Mieten für Altbauobjekte deutlich niedriger als anderswo, ohne dass es Anzeichen für eine Veränderung des Markts gibt. In den Bundesländern werden die Preise stabil bleiben oder nur moderat steigen, während es in Wien eben deutliche Signale auf höhere Preise" gibt.

"Wir stehen in Wien am Rande einer Mangelsituation", sagte ÖVI-Vizepräsidentin Michaela Mischek. Nach wie vor "sehr stark" sei die Nachfrage für Wohnungen innerhalb des Gürtels und für Luxuswohnungen und Lofts. Anders als in den letzten Jahren werde das Angebot aber auch in billigeren Bereichen zunehmend von der Nachfrage übertroffen - etwa nördlich der Donau, im 21. und 22. Bezirk, aber auch im Süden.

Problemzone Stadtrand

Am Stadtrand bestehe schon jetzt ein "Mangel an kostengünstigen geförderten Mietwohnungen", weil dort zuletzt wegen der höheren Infrastrukturkosten zu wenige Neubauten entstanden seien. In Wien war der Wohnungsneubau 2001 um 46 Prozent zurückgegangen, die Zahlen 2002 liegen noch nicht vor.

Für den knapper werdenden Wohnraum und die steigenden Preise wird ein Bündel von Gründen genannt: Neben der geringeren Neubauleistung sei mit Auswirkungen aus der EU-Osterweiterung zu rechnen. Zudem wechselten die Verbraucher ihre Wohnungen heute öfter als in der Vergangenheit, hieß es. Häufigere Neuabschlüsse sind aber teurer, wobei damit oft eine Verbesserung der Wohnqualität einhergeht.

Banken halten sich bei Wohnbaufinanzierung zurück

Weitere Gründe für die sich anbahnende Knappheitssituation in der Bundeshauptstadt orten die Immobilientreuhänder in der starken Zurückhaltung der Banken, was die Kreditvergabe betrifft. Diese Vorwirkung der neuen internationalen Kreditrichtlinien ("Basel II") sei besonders im geförderten Wohnbau "unverständlich", weil diese Kredite risikoarm seien. Die von der Stadt Wien für heuer zugesagte Förderung von 5.000 Neubauwohnungen sei "die untere Grenze. Wir hoffen auf mehr Förderung 2004", meinte ÖVI-Vize Mischek.

Weniger Veränderungen als Wien gibt es nach Einschätzung von ÖVI-Mitgliedsbetrieben auf den Immobilienmärkten der Bundesländer: In Vorarlberg herrschen Zurückhaltung beim Kauf von Eigentumswohnungen, aber große Nachfrage und hohe Preise bei den Mietwohnungen, relativ stabil entwickelt sich die Situation in Tirol. In Salzburg-Stadt rechnen Brancheninsider mit fallenden Preisen beim Neubaueigentum und wenig Bewegung bei den Mieten. Für den oberösterreichischen Zentralraum Linz-Wels wird mit stabilen Preisen bei freifinanzierten Eigentumswohnungen und wieder etwas steigenden Mieten bei Eigentumswohnungen gerechnet. In der europäischen Kulturhauptstadt Graz herrschen stabile Preise, nach wie vor günstig sind Eigentumswohnungen in Klagenfurt.

Gesetzesänderung

Den Wiener Büromarkt kennzeichnet eine eine "sehr große" Investorennachfrage - hauptsächlich aus Deutschland. Dies gilt aber nur für "gute", also vorvermietete Projekte, Billigbüros in schlechter Lage und ohne entsprechende Ausstattung hätten auf dem Mark keine Chancen. Heuer werden weitere rund 300.000 Quadratmeter Büro-Mietfläche fertigestellt werden, glaubt ÖVI-Vorstandsmitglied Georg Spiegelfeld.

Auf unerwartet starkes Interesse ist eine Änderung des Wohnungseigentumsgesetzes (WEG) im vergangenen Jahr gestoßen, die es "Eigentümerpartern" ermöglicht, gemeinsam Wohnungseigentum zu erwerben, wird berichtet. Bisher war dies nur Ehepaaren möglich gewesen, seit der Änderung können beispielsweise auch homosexuelle Paare oder einander wirtschaftlich verbundene Personen eine gemeinsame Eigentumswohnung erwerben. Bei einzelnen Projekten seien bis zu 40 Prozent der Kunden solche Eigentümerpartner, sagte Michaela Mischek.

Von einer neuen Bundesregierung wünschen sich die Immobilientreuhänder eine Novellierung des Mietrechtsgesetzes, durch die Mieterhöhungen bei den (ohnedies nicht mehr in Reinform existierenden) Friedenskronen-Wohnungen möglich werden. Privilegien durch eine "Erbschaft" von Mietrechten sollten abgeschafft, der Betriebskostenkatalog aktualisiert werden. Von einer Abschaffung der Wohnbauförderung rät ÖVI-Präsident Malloth aus sozialen Gründen ab: Im Baubestand steckten so große Notwendigkeiten der Sanierung und Verbesserung, dass sich bei einer Abschaffung der Förderung viele "ordentliches Wohnen" nicht mehr leisten könnten. (APA)