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Chirac und Schröder vor den soeben enthüllten Skulpturen von Charles de Gaulle (li.) und Konrad Adenauer

Foto: REUTERS/Arnd Wiegmann

Straßburg/Brüssel - Würde sich die deutsch-französische Freundschaft an der Zahl von Brückenneubauten messen - sie stünde in voller Blüte. Kaum ist im Süden von Straßburg die große Rheinquerung für Autos fertig, beginnt im Nachbarort Kehl der Bau einer Fußgängerbrücke.

Auf ihr könnten künftig die Beamten der beiden Kommunen auf dem kurzen Dienstweg von Rathaus zu Rathaus radeln, wenn das schöne Projekt eines "Eurodistrikts Straßburg/Kehl" endlich Wirklichkeit würde, das Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac am Mittwoch in Paris in ihrer Erklärung zum Elysée-Vertrag beschworen. Zunächst wird der Rheinsteg aber nur zwei Parks zusammenhalten, denn 2004 findet die Landesgartenschau Baden-Württemberg an beiden Ufern des Rheins statt. Gartenkunst, die verbindet.

Ins Florale war auch damals, 1963, Präsident Charles de Gaulle abgeschweift mit seinem Urteil: "Verträge sind wie Rosen und junge Mädchen, sie haben ihre Zeit." Damals allerdings hielt er das Elysée-Abkommen kurz nach dessen eingeschränkter Ratifizierung durch den Deutschen Bundestag für bereits verwelkt. Heute blühen, um im Bild zu bleiben, tausend kleine Blumen auf der "Grass-

roots-Ebene" zwischen den zwei Staaten, egal ob sich die Intellektuellen auf beiden Rheinseiten nun verstehen oder nicht.

Verstehen sollen sich zumindest bald die Kinder. Seit 1999 gibt es ein buntes bilinguales Schulbuch "Vivre dans le Rhin Supérieur/Leben am Oberrhein", das heuer in die zweite Auflage geht und Volksschülern Kultur und Geografie des jeweiligen Nachbarn näher bringen soll.

Damit sie vielleicht auch bald andere Bücher lesen oder mit dem "Oberrheinischen Museumspass" durch mehr als 100 Museen in der Region ziehen, können badische Schüler von Herbst an bereits in der Taferlklasse Französisch lernen. Ähnliche Angebote gab es - wenn auch nicht flächendeckend - in Deutschland schon in den Siebzigerjahren, sogar in frankreichferneren Regionen wie Nordrhein-Westfalen.

Auch 2003 kann man deutsche Pennäler - und ihre französischen Freunde - jederzeit in beiden Fahrtrichtungen im Eurocity zwischen Straßburg und Kehl antreffen. Der klassenweise Schüleraustausch zwischen allen Gegenden der beiden Staaten boomt wie eh und je und sichert den bald bitter konkurrierenden Staatsbahnen SNCF und DB einen regen Reiseverkehr.

Für Kehler und Straßburger Schüler reicht der Einzelfahrschein für den Stadtbus, um über die Grenze zu kommen. Die Straßburger können vielleicht sogar schon Deutsch. Im Elsass üben sich nämlich derzeit 11.000 Volksschüler in der Sprache des Nachbarn, die irgendwie ja auch ihre eigene ist. Sie verbessern die etwas düsterere frankreichweite Statistik, nach der die Jugend lieber Spanischkurse belegt.

Am Rhein übersetzen

Auch aus Baden-Württemberg ist zu hören, dass die Suche nach Volksschullehrern, die Französisch können, nicht so einfach gewesen sei. Die Beamten eines "Eurodistrikts Straßburg/Kehl" müssten also viel Übersetzungsarbeit leisten, wenn sie gemeinsam über Schulgärten, Baugenehmigungen, Abwassergebühren oder Fördergelder für inves_titionswillige Betriebe bestimmen wollen.

Immerhin ist das Dolmetscherangebot in Straßburg dank der Aventis-Firmenzentrale, dem Europarat, dem Europäischen Parlament und dem Fernsehsender Arte groß.

Der sendet indes auch im elften Jahr seiner Existenz nach Osten hin weit gehend ins Leere. Unter einem Prozent Zuschauerquote erreicht die als deutsch-französischer Kulturkanal gegründete Anstalt in der Bundesrepublik. Dass es in Frankreich um die vier Prozent sind, liegt wohl eher daran, dass Arte dort nur mit fünf weiteren frankofonen Programmen konkurriert. Denn frankofon ist Arte in Frankreich, wie es in Deutschland germanofon ist. Nur die Bilder sind gleich.

Dennoch setzen Berlin und Paris weiter auf das alte Prestigeprojekt von Helmut Kohl und François Mitterand. Im Juni soll das neue Sendezentrum am Quai Winterer fertig sein. Das Gebäude gleich neben dem Europaparlament, entworfen vom Braunschweiger Architekten Hans Struhk, gilt als gläserner Garant für eine Weiterführung der verbindenden Fernsehidee.

Schröder und Chirac fordern in ihrer Elysée-Erklärung gar "die europäische Öffnung des Kulturkanals Arte unter Wahrung seiner deutsch-französischen Identität". (DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2002)