Gottvertrauen

Wien - Ingrid Wendl würde ja anders verhandeln: "Ich würde sehr schnell mit etwas Emotionalem herausgehen." Aber genau deshalb, lächelt Wendl, ist es ganz gut, dass Wolfgang Schüssel und nicht sie verhandelt: "Ich kenne die Muster der Politik noch nicht so gut. Da sagen mir die, die das lange machen, dass man den zweiten und dritten Schritt abwarten muss." Und das sieht die Neoabgeordnete der ÖVP als Fernsehjournalistin ein: "Bei einer TV-Moderation kann ich auch nicht nach einem verpatzen Satz abbrechen und noch einmal anfangen. Das geht in der Politik auch nicht." Allerdings tappt Wendl im Dunkeln, worauf Schüssel hinverhandelt: "Ich glaube, er hat eine Taktik. Ich weiß aber nicht welche." Sie weiß nur eines: "Wenn die Reformpläne nicht verwirklicht werden, wäre eine große Koalition ein Rückschritt. Man soll etwas riskieren."

Ganz die Meinung von Peter Haubner: "Die Leute wollen die große Koalition von damals nicht." Auch der Marketingleiter aus Salzburg ist neu im Nationalrat, kann die taktischen Nebelschwaden, die die ÖVP-Spitze um die Suche nach einer Regierung aufbaut, nicht durchschauen. Aber das muss er auch nicht: "Der Kanzler hat den Durchblick." Und auch wenn er noch nicht weiß, welchen Beschlüssen welcher Regierung er künftig zustimmen soll, glaubt er sich einig mit den Leuten in seinem Wahlkreis: "Ich weiß nicht, was der Kanzler will - habe aber volles Vertrauen."

Mehr bleibt einfachen Abgeordneten auch nicht übrig. Sicher, sie werden in Klubsitzungen informiert - aber nicht über mehr, als ohnehin in der Zeitung steht. Die Hintergründe, warum Schüssel etwa der SPÖ nun die kalte Schulter zeigt und welche Strategie er damit verfolgt, bleiben auch für sie ein Geheimnis. Ridi Steibl, die seit 1994 im Parlament sitzt und schon mehrmals die Koalitionsentscheidungen abgewartet hat, sagt das ganz offen: "Schüssel ist der Chef und Stratege. Ich habe Gottvertrauen in Schüssel."

Ein absolutes Vertrauen, das der Unternehmer Franz Xaver Böhm teilt: "Wir haben zu warten, wie der Kanzler entscheidet." Das sieht seine Neoabgeordnetenkollegin Helga Mache genau so: "Ich habe keine Ahnung, wohin die Koalitionsreise geht. Aber was immer der Kanzler macht, ist gut." Allerdings - eine klitzekleine Präferenz hat die resche Pensionistin und Exskilehrerin schon: "Bei uns in Osttirol ist die schwarz-blaue bürgerliche Regierung sehr geschätzt worden." (DER STANDARD, Print-Ausgabe 24.1.2003)