"Sie hatten nichts Besseres, also nahmen sie Jan Peter." Der Witz machte die Runde unter Parlamentsjournalisten, als der blasse, bis dahin wenig bekannte christdemokratische Abgeordnete im Oktober 2001 den Fraktionsvorsitz übernahm und Jaap de Hoop Scheffer ablöste. Heute macht keiner mehr solche Witze. Obwohl die Ablösung nicht ohne Konflikte abging, gelang es Balkenende, die Partei hinter sich zu bringen. Er förderte junge Talente, kokettierte in den Medien mit seiner Ähnlichkeit mit Harry Potter und verpasste der einstigen Honoratiorenpartei ein modernes, offeneres, jugendliches Image.

Dabei hat er alles, was ein eingefleischter Christdemokrat alten Stils für seinen Aufstieg braucht: Evangelisch-reformiert erzogen, besuchte er erst ein christliches Gymnasium in Zeeland und studierte dann in Amsterdam Geschichte und Jus. Er promovierte 1992 und wurde ein Jahr später Hochschullehrer für "christliches und soziales Denken". Eine Karriere ohne Brüche, mit den Christdemokraten, für die Christdemokraten, ganz so, wie es früher war, als die ganze Gesellschaft in solchen weltanschaulichen Zuordnungen lebte.

1998 wurde der Familienvater finanzpolitischer Sprecher der christdemokratischen Fraktion, 2001 Fraktionschef. Im Mai 2002 bescherte er seiner Partei einen Erdrutschsieg, der ihm selbst das Amt des Premiers einbrachte. Balkenende erkannte die Zeichen der Zeit relativ früh. Noch bevor Pim Fortuyn das Thema Zuwanderung zum Leitmotiv machte, ging Balkenende selbst auf Distanz zum Topos der "multikulturellen Gesellschaft". Er machte vor allem die Frage niederländischer Werte und Normen zum Thema, was eine Abkehr von der niederländischen Duldungspolitik einleitete. Diese beruht darauf, aus pragmatischen Gründen bestimmte Verhaltensweisen (Konsum leichter Drogen, Kleinkriminalität, Prostitution) nicht zu verfolgen, obwohl sie illegal sind.

Europapolitisch setzte Balkenende auf Kontinuität - gegen die euroskeptischen Tendenzen bei den Populisten und Rechtsliberalen. In Brüssel setzte Balkenende härtere Beitrittsbedingungen für die Kandidatenländer durch, verkalkulierte sich aber mit seinen Reformplänen für die Gemeinsame Agrarpolitik, die angesichts der deutsch-französischen Einigung zwischen Chirac und Schröder beim Gipfel in Brüssel im Herbst 2002 scheiterten.

Balkenende, der in seiner Freizeit gern Ski fährt, Galerien besucht und Musik hört, hat sein Privatleben weit gehend aus den Medien gehalten. Sein jetziger Sieg ist relativ bescheiden, die Christdemokraten haben nur ein Mandat gewonnen. Entscheidend dürfte für ihn aber sein, dass ihm dieses eine Mandat die Initiative bei den Koalitionsverhandlungen und den Posten als Regierungschef sichert.(Klaus Bachmann/DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2003)