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Giovanni Agnelli

foto: reuters

Rom - Er war die schillerndste Persönlichkeit der einflussreichsten Familie Italiens. Und die Legenden, die sich um Gianni Agnelli ranken, sind nicht zu zählen. Der "Avvocato", der am Freitag einem Krebsleiden erlag, war ein Mythos.

Keiner verkörperte wie er den Aufbruch Italiens zum modernen Industriestaat. Der Verstorbene wird im engsten Familienkreis beigesetzt. Anders war es nicht zu erwarten. Denn der Schutz der Privatsphäre war für die mächtige Sippe aus Villar Perosa bei Turin stets oberstes Gebot."Fatales Understatement", nennt das italienische Magazin Panorama den Hang der Agnellis, so zu tun, als sei man "eine ganz normale Familie".

Verflechtungen

Es ist die Verflechtung von Adel und Wirtschaftsmacht, der Zwiespalt zwischen individueller Lebensgestaltung und Clandenken, die systematische Abschottung privater Lebensbereiche vor indiskreten Einblicken, die die Agnellis für die Medien so interessant macht. Und die Familientragödien, die Gianni Agnelli bereits als Kind geprägt haben. Mit 14 Jahren verlor er seinen Vater bei einem Flugunglück. Zehn Jahre später kam seine lebenslustige Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Giannis jüngerer Bruder Giorgio starb schon früh in einer Schweizer Klinik. Und er selbst wurde 1952 bei einem Unfall lebensgefährlich verletzt, als er nach durchzechter Nacht zwischen Monte Carlo und Cannes gegen einen Lkw prallte.

Trotz zahlreicher Operationen blieb sein rechtes Bein steif. Ein Jahr später heiratete er die adelige Diplomatentochter Marella Caracciolo. Um seine Affären mit Rita Hayworth, Anita Ekberg und Jacqueline Kennedy rankten sich zahlreiche Gerüchte. "Ich rede manchmal mit Damen, aber nie über sie", beschied Agnelli neugierigen Journalisten. Mit 45 stieg er zum Konzernherrn bei Fiat auf.

"Passione"

Seine Schwester Susanna, mehrere Jahre italienische Außenministerin, beschreibt Giannis Verhältnis zu Fiat mit nur einem Wort: "passione" (Leidenschaft).

"Was Fiat nützt, nützt auch Italien" war der Leitspruch der Familie Agnelli. Er beschreibt sinnfällig die Verquickung von politischen und wirtschaftlichen Interessen, die das Leben des Konzernchefs prägten. Für die Italiener verkörperte er den Traum von Macht, Reichtum und Einfluss. Bei Umfragen über den attraktivsten Mann Italiens lag er stets an der Spitze. Gianni Agnelli holte Michel Platini in seinen Fußballklub Juventus und Michael Schumacher in seinen Ferrari-Rennstall. Doch den Zwängen eines Lebens in geordneten Bahnen konnte sich der Ruhelose auch als Konzernherr nicht fügen. Lange still sitzen und zuhören - das vermochte er schon als Schüler nicht.

Als er im bekannten D’Azeglio-Gymnasium in Turin zurückgewiesen wurde, rief Giannis Großvater und Fiat-Gründer bei dessen Professore an und fragte: "Ist er ein Dummkopf oder nur ein Faulpelz ?" Die Antwort, er sei nur faul, beruhigte den Großvater.

Immer rastlos

Zeitlebens war Gianni Agnelli von Rastlosigkeit getrieben. Und von der Zwangsvorstellung, sein Nachfolger müsse aus der eigenen Familie kommen. Die Wahl fiel zunächst auf seinen Neffen Giovanni Alberto, Italiens begehrtesten Junggesellen.

Dass dieser mit 34 Jahren an Krebs starb, war der härteste Schicksalsschlag für den Fiat-Chef. Denn sein eigener Sohn Edoardo war fernöstlichen Philosophien stets mehr zugeneigt als dem Familienkonzern, und ein vom Vater gewünschtes Gastspiel im Juventus-Vorstand scheiterte kläglich.

Seit Edoardo sich im Morgengrauen eines Wintertages vor zwei Jahren von einer Brücke stürzte, war Gianni Agnelli verändert. Er zeigte sich kaum mehr in der Öffentlichkeit. Seine Krebserkrankung und die schwere Krise des Familienkonzerns machten aus dem stets unerschütterlichen Unternehmer einen gebrochenen Mann. Dass sein jüngerer Bruder Umberto Agnelli den Fiat-Konzern übernimmt, war Giannis Wunsch. Doch die Überzeugung, ein Agnelli könne den Lauf der Zeit aufhalten und das zerbrechende Imperium ohne Hilfe des neuen Partners General Motors retten, bleibt ein Traum, der im Glanz der Vergangenheit gründet. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, Printausgabe 25.1.2003)