Wien - Von der Evolution biologischer Strukturen nach den Gesetzen von Charles Darwin über die Immundermatologie bis zur Identifizierung eines neuen möglichen Angriffspunktes für Arzneimittel: Die österreichischen Spitzenwissenschafter Univ.-Prof. Dr. Peter Stadler (Lehrstuhl für Bioinformatik, Universität Leipzig), Univ.-Prof. Dr. Mag. Gottfried Baier (Institut für Medizinische Biologie und Humangenetik, Universität Innsbruck) und Univ.-Prof. Dr. Dieter Maurer (Universitätsklinik für Dermatologie der Universität Wien) erhielten am Freitag in Wien die Novartis Preise 2002 verliehen.

Die Auszeichnung hat bereits Tradition. Der Festakt fand am Novartis-Forschungsinstitut in Wien-Liesing statt. Im Rahmen einer Festrede ging der deutsche Experte Univ.-Prof. Dr. Harald Renz auf ein brennendes Gesundheitsproblem ein: Allergien und Erkrankungen des allergischen Formenkreises.

Die Warnung des Leiters der Abteilung für Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik am Zentrallabor der Universitätsklinik in Marburg: "Allergien und Neurodermitis sind die Volksleiden des 21. Jahrhunderts. Wir beobachten seit Jahrzehnten ein Ansteigen der Häufigkeit. Dieser Trend ist ungebrochen. Allergien und Asthma sind mittlerweile die häufigsten Erkrankungen im Kindesalter."

Preis der Industriestaaten

Einzelne Umwelteinflüsse - zum Beispiel Luftschadstoffe etc. - könnten dieses Phänomen nicht erklären. Renz in einer Aussendung von Novartis: "Allergien und ähnliche Probleme sind letztlich der Preis für unser hygienebetontes Leben in den westlichen Industriestaaten." Nichtrauchen (passives Rauchen der Kinder) und eine Möglichkeit zur Reifung des kindlichen Immunsystems durch banale Infekte (Husten, Schnupfen, Heiserkeit) könnten allergischen Erkrankungen vorbeugen.

Die Preisträger: Univ.-Prof. Dr. Peter Stadler, der vor kurzem vom Institut für Theoretische Chemie und Molekulare Strukturbiologie der Universität Wien auf den Lehrstuhl für Bioinformatik der Universität Leipzig übersiedelte, erhielt die Auszeichnung für Chemie. "Man versucht, mathematische Grundlagen für die Computer-Simulation von biologischen Prozessen zu schaffen und so die Struktur von Proteinen und von RNA-Erbgutbestandteilen vorherzusagen. Es geht aber auch darum, zum Beispiel die Evolution wichtiger Prozesse mathematisch zu fassen. Was ist die grundlegende Mechanik hinter Variabilität, Mutationen, Rekombination etc?", beschrieb er seine Arbeiten.

Neue Form von Patrouille-Immunzellen

Für seine Arbeiten zur Erforschung der dendritischen Zellen (DZ) erhielt der Wiener Immundermatologe Univ.-Prof. Dr. Dieter Maurer, Leiter des neu gegründeten Forschungszentrums für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die Novartis-Auszeichnung für den Fachbereich Medizin. Dendritische Zellen patrouillieren durch die Haut und andere Organe des Körpers, fangen mit ihren Oberflächenstrukturen eingedrungene Antigene (Keime, Fremdsubstanzen) ein und präsentieren sie dem Immunsystem zur Auslösung einer Abwehrreaktion.

Einen neuen potenziellen Angriffspunkt für Arzneimittel gegen unerwünschte Immunreaktionen, die mit chronischen Entzündungen verbunden sind, aber auch gegen Autoimmun-Erkrankungen (z.B. Asthma, chronische Polyarthritis etc.), oder gar die Arteriosklerose bzw. Organ-Abstoßungsreaktionen haben Univ.-Prof. Dr. Mag. Gottfried Baier und sein Team in der Proteinkinase C theta entdeckt. Baier bekam dafür den Novartis Preis für Biologie bzw. Biochemie.

Der Novartis-Preis wird seit Gründung des Wiener Forschungsinstituts im Jahre 1970 vergeben. Er ist insgesamt mit 30.000 Euro dotiert. (APA)