Jetzt hat sich unser Kanzler definitiv festgelegt. "Rechnet nicht damit, dass Deutschland einer den Krieg rechtfertigenden Resolution zustimmt!", sagte Gerhard Schröder bei einer SPD-Wahlkampfkundgebung in der Stadt Goslar. Denn Anfang Februar gibt es wieder Wahlen, in Hessen und in Niedersachsen. In Hessen geht es darum, die regierende CDU in die Opposition zu schicken, in Niedersachsen, wo bis jetzt die SPD allein regiert, an der Macht zu bleiben und einen Sieg der CDU zu verhindern.

Schon einmal hat Schröder mit einem klaren Nein zu einem Krieg im Irak die Wahlen entschieden, letztes Jahr, als er den "deutschen Weg" verkündete. Damit holte er die SPD im letzten Moment aus dem Umfragentief heraus. Nach dem 22. September lag die SPD bundesweit mit knapp 9000 Stimmen in Führung, es war ein hauchdünner Vorsprung, aber er reichte, um die CDU auf den zweiten Platz zu verweisen. Viele sprachen damals von einem "Wunder", mit dem kaum jemand gerechnet hatte. Und jetzt soll sich das Wunder wiederholen.

Denn sowohl in Hessen wie in Niedersachsen sind die Umfragen für die SPD verheerend. Und so zieht der Kanzler wieder die Notbremse und sagt noch einmal "Nein!" zu einem Krieg im Irak, diesmal sogar in verschärfter Form.

Ging es letztes Jahr nur um eine "deutsche Beteiligung" an einer möglichen Inter_vention, geht es nun um eine grundsätzliche Entscheidung der UN. Und egal was die

UN beschließen, Deutschland wird einer den Krieg recht_fertigenden Resolution nicht zustimmen. Im Klartext heißt das: Die UN können uns mal! Es lebe der deutsche Weg! Freilich: Diesmal wird Schröder auf seinem deutschen Weg in der Sackgasse landen. Die SPD wird die Wahlen in Hessen und in Niedersachsen verlieren, und Schröder wird lernen müssen, dass es zum Wesen von Wundern gehört, dass sie einmalig, nicht planbar und nicht wiederholbar sind. Und dann wird er auch seine scheinbar so klaren Worte zu einer Irakresolution der UN neu interpretieren, so wie er sein Versprechen vor den Wahlen, es werde keine Steuererhöhungen geben, nach den Wahlen, ohne zu erröten, ganz neu auslegte.

Statt von Steuern war von "Abgaben" die Rede, von einer "notwendigen Umverteilung" im Dienste der "sozialen Gerechtigkeit". Entsprechend könnte sich Deutschland im Ernstfall im Sicherheitsrat der Stimme enthalten, was am _Ergebnis der Abstimmung nichts ändern würde, oder Deutschland könnte mit Ja stimmen, wenn es um eine Resolution geht, die nicht "den Krieg" rechtfertigt, sondern nur "die Entmachtung" Saddams oder "die Wiederherstellung der Menschenrechte" im Irak. Der Kanzler kann sein Versprechen wörtlich oder weit auslegen, er wäre nicht dort, wo er jetzt steht, wenn er dazu nicht willens wäre.

Die Clinton-Taktik

Schröders Verhalten in Sachen "Vereinte Nationen versus Irak" erinnert an das Taktieren von Bill Clinton vor dem Lewinsky-Ausschuss. Befragt, ob er Sex mit der Praktikantin gehabt habe, antwortete dieser: "Kommt darauf an, was Sie unter Sex verstehen." Das klang albern, aber es war die einzig richtige Antwort.

Es ist eben alles relativ. Teenager, die im Autokino knutschen und alle möglichen alternativen Techniken anwenden, haben auch viel Spaß miteinander, ohne bis zum Letzten zu gehen und das "Sexverbot" zu übertreten. Und es gibt Chirurgen, die sich darauf spezialisiert haben, die Unberührtheit junger Frauen wiederherzustellen, die als Virgo intacta in die Ehe gehen möchten, nachdem sie bereits zu weit gegangen sind.

Wenn es möglich ist, die sexuelle Unschuld mit ein paar Stichen zurückzuerlangen, dann muss so etwas auch in der Politik mit ein paar Worten machbar sein. Es kommt nur darauf an, was man unter Krieg versteht.

Tatsächlich ist Deutschland längst dabei, die Clinton-Taktik anzuwenden. Demnächst sollen 20 Bundeswehrsoldaten in den Irak geschickt _werden, unbewaffnet und als Zivilisten verkleidet, um den UN-Inspekteuren bei ihrer Arbeit zu helfen. Und natürlich wird Deutschland die USA im Ernstfall mit "huma 6. Spalte nitärer Hilfe" unterstützen, deutsche Lazarett-Airbusse sollen verletzte amerikanische Soldaten aus der Region ausfliegen. "Ich möchte den Deutschen sehen, der es ablehnt, verletzte US-Soldaten nach Frankfurt zu fliegen", sagte Verteidigungsminister Struck, der jede deutsche Beteiligung an einem Irak-Krieg, mit oder ohne Segen der Nato, entschieden ablehnt.

Heuchelei? Pragmatismus? Es ist der "deutsche Weg", eine Mischung aus beidem. Mitmachen möchte man schon gerne, aber die Unschuld behalten will man auch. Man weiß, wenn es darauf ankommt, werden die Amis die Kastanien allein aus dem Feuer holen. Danach werden die Deutschen Flugzeuge mit Decken, Spielzeug, Milchpulver und Verbandsmaterial ins Krisengebiet schicken. Ein bisschen Nachspiel kann auch schön sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.1.2003)