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Durch gezielte Indiskretionen wird eine konkrete Maßnahme durch die Nebelschwaden der Sondierungsrunden sichtbar: Wenn es nach der ÖVP geht, wird ab 2004 das Frühpensionsalter um acht Monate pro Jahr angehoben, damit könnten sich ab 2009 nur mehr wirklich Kranke und Arbeitsunfähige vorzeitig in den Ruhestand verabschieden. Ein Tabubruch im Frühpensionistenland: Wird doch nirgendwo in der EU kürzer gearbeitet als hier - nur elf Prozent der über 60- Jährigen sind noch berufstätig und tasten sich an das gesetzliche Pensionsalter von 65 Jahren heran. Kein Wunder: Es lohnt sich für Unternehmen (und auch den Arbeitgeber Staat) zu sehr, ältere, teure Arbeitnehmer in die Frühpension zu schicken.

Mittlerweile bestreitet niemand mehr, dass die zwingende Konsequenz der steigenden Lebenserwartung eine längere Lebensarbeitszeit sein muss. Bloß: Was passiert, wenn die Frühpensionsregelungen verschärft werden, aber nichts am Arbeitsmarkt gemacht wird, hat die ÖVP schon bei der Pensionsreform 2000 bewiesen - die Arbeitslosigkeit der Älteren steigt.

Insofern hat die SPÖ Recht, wenn sie gegen den Frühpensionsplan der ÖVP wettert. Allerdings vergisst sie in ihrem Zorn über die "Belastungswelle" dazuzusagen, dass die ÖVP aus dem Fehler der Reform 2000 gelernt hat und diesmal nicht an der Pensionsschraube drehen will, ohne zu versuchen, Ältere länger auf dem Arbeitsmarkt zu behalten.

Um solche Faktentreue geht es im Koalitionspoker aber derzeit nicht: Die ÖVP bemüht sich, jeden als reformunwillig darzustellen, der nicht ihr Programm mit Punkt und Beistrich unterschreibt. Und die SPÖ nutzt die zähen Sondierungsrunden, sich mit Reformideen auf Kosten der ÖVP-Klientel (etwa Solidarbeitrag der Beamten) zu profilieren. Einem Koalitionsprogramm kommen beide damit nicht näher - dafür aber dem Punkt, die Gespräche für gescheitert zu erklären.

(DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.1.2003)