Graz - Mit dem Fußball unterhält das Theater seit jeher ein freundschaftliches, dabei von wechselseitigem Argwohn geprägtes Verhältnis. Zunächst beneiden die Schauspieler die Ballsportler um deren Massenwirksamkeit: Das Gaberln coram publico ersetzt die Bemühung um das so viel kompliziertere Formulieren eines Gedankens.

Der Fußball reicht aber über seinen selbst gesetzten Zweck, das lächerliche Einnetzen eines runden Leders in ein scheunenbreites Tor, weit hinaus. Der bosnische Fußballtrainer Ivica Osim, der in acht Jahren aus der trostlosen Provinztruppe Sturm Graz eine Mannschaft europäischen Zuschnitts formte, war eine ideale Theatererscheinung: eine philosophische, inmitten des überschäumenden Erfolges von Zweifeln zutiefst angekränkelte Figur. In einem kleidsamen, altösterreichischen Privatidiom rang dieser Zauderer dem Deutschen überzeugende Formulierungen des Überdrusses und des Ekels ab: "Die Spieler . . . Sie folgen einem nix . . . Sie lernen schwer", wie es in dem Monolog Trainer, König, General des Grazer Autors Martin G. Wanko einmal heißt.

Schule des Lebens

Die mühevolle Formung einer Mannschaft suggeriert zum Beispiel, dass jeder Mensch sich einem Wettbewerb zu stellen habe und dafür in die Schule des Lebens geht. In der Erziehung ihrer Kickereliten ähneln Fußballtrainer daher ein wenig ihren blasierten Vettern, den Theaterregisseuren: Sie tragen das Idealbild des gelungenen, sogar "schönen" Spiels komplett ausgearbeitet im Kopf.

Nur trifft dann der Stürmer XY im entscheidenden Moment aus einem Meter Entfernung den Ball nicht - vielleicht weil ihn seine Frau gerade betrügt oder sein nagelneuer Ferrari eine Delle hat. Fußballtrainer sind Agenten der Vergeblichkeit. Deswegen ähneln sie auch den monologisierenden Bauern des Herbert Achternbusch oder den kriegsverschlissenen Vasallen in Shakespeares Königsdramen: den Buckinghams und Northumberlands. Dabei sind sie auch bloß machtlose Befehlsempfänger der modernen Dienstleistungsindustrie: Zinsknechte und Sündenböcke ihrer oftmals halbseidenen Vereinsbosse - so wie Kleists zickiger Prinz von Homburg.
In Wankos Drama, das kommenden Dienstag im Grazer Forum Stadtpark Theater in der Regie von Ernst M. Binder uraufgeführt wird, drehen sich Ivica Osims Bühnenmeditationen in zähen Spiralen um die Flüchtigkeit des Erfolgs. Hinter den nackten Zahlen des gewonnenen oder verlorenen Punktspiels gähnt ein Abgrund der Sinnlosigkeit, den keiner sonst als Osim trefflich - eben als Schauspieler seiner selbst - darzustellen wusste: mit hängenden, oftmals zuckenden Schultern, einem verdrießlichen Mund, dem Drehen und Kippen seiner zur Mitte hin abbrechenden Rätselsätze.

Nach Thomas Brussigs Leben bis Männer (2001) ist Wankos sprachmächtiges Elaborat der wichtigste Beitrag zur Fußballliteratur. Und der reale Osim, dessen Rundgang durch das zum Friedhof umfunktionierte Stadion von Sarajewo unvergesslich bleibt, wechselt demnächst dann doch noch nach Japan, in die gespensterhafte J-League. Ein neuer Beitrag zur Wirklichkeitsbewältigung, auf dem Felde des Kommerzes. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 25.01.2003)