Markus Mittringer

Wien - Formisten, Futuristen, Expressionisten, Konstruktivisten, Fotorealisten, Puristen, Kapisten, Koloristen, Surrealisten, Neue Klassizisten, Postimpressionisten, Dadaisten, gemäßigt Moderne, um Radikalität bemühte Vorreiter, Visionäre, Metaphysiker, psychologisierende Romantiker, Traditionalisten und dazu noch den Strefismus: In den wenigen Jahren, die Polens zweite Republik währte, gab es in der Kunst beinahe alles.

Dieses breite Spektrum zu erfassen und zugleich die dualistische Weltsicht diverser Avantgarden infrage zu stellen, entwickelte Leon Chwistek - er wurde 1884 in Krakau geboren - sein Theorem der "Pluralität der Wirklichkeit in der Kunst". Das war im Wesentlichen ein Plädoyer für interdisziplinäres Denken und Handeln in einer offenen, transnationalen Gesellschaft. Wie auch immer gearteten missionarischen Bemühungen mochte Chwistek nichts abgewinnen.

Er forderte einen weit gesteckten Kulturbegriff wider die tradierte elitäre Definition und konnte sich unter bestimmten Bedingungen, ganz futuristisch, selbst ein "Bankett" oder "Sportfest" als Kunstwerk ausmalen. Zugleich aber warnte er vor einer Verflachung der Kunst durch deren massenhafte Verbreitung und die Tendenz der Durchschnittskonsumenten, bloß nach dem Unterhaltungswert zu suchen.

Umgelegt auf sein eigenes Malen ergab Chwisteks soziale Utopie die "Theorie des Strefismus": In strefistischen Bildern sollten die Farben wie die Formen recht kontrastreich in Zonen gegliedert sein. Im Bild Salamander von 1920 gelingt ihm das sogar recht schwungvoll. Dynamisch und auch ein bisschen explosiv wie die zweite Republik Polen, in der ein nationalistisch gestimmter Künstler den ersten demokratisch gewählten Präsidenten ermordete - in der Galerie Zacheta.

Rekonstruiert aus den über 100 Jahre lang durch Preußen, Russland und Österreich-Ungarn fremdbestimmten Gebieten, teilten sich Dutzende politische und kulturelle Aktivisten und Gruppierungen die Euphorie über den "Neuen Staat" und verfolgten diametral divergierende Ziele. Das neue Polen brodelte in der Reibungshitze von ethnisch wie sozial weit auseinander liegenden Bevölkerungsgruppen, mühte sich, Patrioten, Linke und liberal Nationale unter den neuen Staatshut zu bringen und antidemokratische Kräfte zu neutralisieren und zugleich die Inflation - etwa mit der Einführung des Zloty - zu bekämpfen.

Welche Aufgaben Zwischen Experiment und Repräsentation dabei die Kunst für sich beanspruchte, versuchen Romana Schuler und Goschka Gawlik in ihrer Ausstellung Der Neue Staat - Polnische Kunst 1918-1939 zu analysieren. Und lehnen sich, zwecks Orientierung im polnischen Stil- und Haltungspluralismus, an Chwisteks Systematik an. Die Kuratorinnen haben die divergierenden Positionen in acht Zonen gegliedert: Der Neue Staat etwa vereint Werke, die ein "neues" Selbstbild prägen sollen, den öffentlichen Raum bestimmen oder mit Massenmedien wie Film Kommunikation fortschrittlich definieren wollen. Dem (skeptisch) gegenüber stehen die Vertreter der Kolorismen: L'art-pour-l'art-Anhänger, denen Studien zu den Abstufungen von Hell und Dunkel, zu Komposition und Duktus näher sind als Agitprop-Ver- suche. Bis 31. 3.