Foto: PhotoDisc

"Im Juni 1999 startete unser Unternehmen ein enormer Veränderungsprozess. Aus der früheren Krems Chemie mit 580 Mitarbeitern ist ein Businesspark von acht Unternehmen und insgesamt 410 Mitarbeitern hervorgegangen. Einer der acht ausgegliederten Betriebe ist heute Dynea Austria, der das Kerngeschäft mit 160 Mitarbeitern weiterführt", erläutert Andrea Linsmeier, Personalleiterin des Kunstharzherstellers.

Diese Entwicklung sei mit der Auslagerung von Geschäftsfeldern, Gründung neuer Unternehmen und Verkauf sowie Schließung von Produktionsstätten verbunden gewesen. Im Zuge rigoroser Sparmaßnahmen sei der Personalabbau unabwendbar gewesen. "Existenz- und Zukunftsängste prägten den Alltag vieler Mitarbeiter. Die schwierige Situation drohte das gesamte Unternehmen zu destabilisieren", erinnert sich Linsmeier.

Auf der Suche nach einem Ausweg wurde die Human-Resources-Leiterin (HR) fündig: Gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen social.profit wurde das Projekt "Betriebliche Sozialarbeit" ins Leben gerufen.

"Coaching für Führungskräfte ist weit verbreitet, doch bei diesem Konzept kann jeder einzelne Mitarbeiter die Hilfe eines externen Beraters in Anspruch nehmen - auch während der Arbeitszeit", erklärt Linsmeier.

Mitarbeiter, die von einer Kündigung betroffen waren, haben Begleitung im "Trennungsprozess" erhalten, in den Coachings persönliche Stärken erkannt, ihr Selbstbewusstsein gesteigert und gemeinsam mit ihrem Berater Zukunftsperspektiven sowie Strategien entwickelt.

Vertrauen stärken

"Verbleibende Mitarbeiter leiden wegen ihrer gekündigten Kollegen meist unter starken Verlust- und Schuldgefühlen - hier versuchen wir Unsicherheiten auszuräumen, das Geschehene aufzuarbeiten und das Vertrauen in den Arbeitgeber wieder zu stärken", gibt Susanne Nestler, Sozialarbeiterin bei social.profit Einblick in ihre Tätigkeit.

Die Position als externer "neutraler" Dritter sei sehr wertvoll, so Nestler, "Besprochenes geben wir anonymisiert in unseren Meetings, die einmal pro Quartal stattfinden, an die Geschäftsleitung sowie Betriebsräte weiter, die so strukturelle Verbesserungen vornehmen können."

Dynea Austria hat seit dem Jahr 2000 etwa 500 Coachingstunden in Anspruch genommen und insgesamt etwa 40.000 Euro in das Projekt investiert. Der gesamte Standort in Krems erwirtschaftete 2001 einen Umsatz von 181 Millionen Euro, davon trug Dynea Austria einen Anteil von 100 Millionen Euro bei.

Die zunächst nur für die Krisenperiode eingesetzte betriebliche Sozialarbeit hat sich bewährt und wird weitergeführt. "Meinen Vorgesetzten musste ich von der Durchführung meines Vorhabens nicht überzeugen, da er die Idee von Anfang an unterstützte", so Linsmeier, die ihre ersten HR-Erfahrungen im Personalmanagement eines amerikanischen Pharmaunternehmens sammelte und für die Personalagenden in Osteuropa verantwortlich war.

Tipps

Wichtige Punkte bei der Umsetzung der betrieblichen Sozialarbeit formuliert Linsmeier so:

  • Alle Mitarbeiter sollten Zugang zum Coaching-Angebot haben - auch Gekündigte.
  • Die Coaches selbst müssen über Vorgänge im Unternehmen Bescheid wissen.
  • Die Einführung des Coachings sollte nicht gleichzeitig mit der Ankündigung von Kündigungen erfolgen.
  • Die Maßnahmen sollten nicht erst in Krisenzeiten konzeptioniert werden, sondern bestenfalls schon etabliert sein.
  • Der Konsens von Betriebsräten und Führungskräften ist Voraussetzung für die Wirksamkeit des Projekts.
  • Der "Mundpropaganda" kommt in der Implementierungsphase entscheidende Bedeutung zu. Raum für persönliche Gespräche der Mitarbeiter sollte vorhanden sein.

(Silvia Stefan/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.1.2003)