Wien - Zugleich mit der Großstadt entwickelte sich die Kriminalgeschichte - Edgar Allan Poes Paris und London, dort bald auch Conan Doyles Sherlock Holmes. Es ging nämlich, weil sich in der Anonymität der Stadt alle Spuren verloren, um Spurensuche. Und so lässt sich heute jede Stadt doppelt lesen: An der Oberfläche mit ihren berühmten Plätzen, untergründig aber voller Verbrechen. Deshalb ist das Kriminal-museum in der Großen Sperlgasse auch einer der besten Orte, um die Stadt wirklich kennen zu lernen:

Hier wird Wien bis zur Kenntlichkeit entstellt. Zum Beispiel das scheinbar idyllische "Dreimäderlhaus" auf der Mölkerbastei: Hier brachte der Schmiedegeselle Raimund Lewisch 1861 seine Geliebte um und warf die zerstückelten Leichenteile in den Hauskanal: Ab in die schöne blaue Donau. - Das Museum bevorzugt die Schockpädagogik: Auf zwei Etagen wird für jedes Jahr ein Mord präsentiert, meist mit den originalen Tatwerkzeugen: So die Hacke, mit der die hübsche Theresia Kandl 1808 ihren Mann erschlug und zerteilte; dies dann in eine Butte steckte und diesen Inhalt in der Piaristengasse auf den Gehsteig kippte. Oder eine Kordelschnur, Werkzeug einer Erwürgung. - Eine andere, politische, Linie zieht das Museum auch noch ein: vom Attentat auf den Kaiser 1853 (an den Folgen leiden wir heute noch in Form der darob gestifteten Votivkirche); oder die Dynamitschachtel einer Anarchistengruppe 1884; und sogar noch Gestapo-Schreiben. Hier ist wirklich alles schlimm genug. (rire, DER STANDARD Printausgabe 25/26.1.2003)