Foto: Buchcover

In Schaufenstern einiger Buchhandlungen waren kürzlich Schwarz-Weiß-Plakate zu sehen, die eine langhaarige junge Frau hübsch von der Seite zeigen. Sie sitzt über Papier, hält einen Schreibstift, und im Dämmerlicht steht der Name Zoë Jenny, darüber der Satz "Die Literatur ist für mich der einzige Ort, wo man nicht lügen kann."

Es entspricht durchaus der Werbestrategie einer bisweilen als neues Fräuleinwunder postulierten Literaturmodel-Mode, dass man die dünnsten Sätze in die Auslage hängt und fotogen verkauft. Zwar werden nicht, wie im "klassischen" Kitsch, historisch überholte Themen, sondern durchaus Aktualitäten reproduziert. Und doch findet sich der Erfahrungsgehalt grob vereinfacht festgehalten. Ein idyllischer Schein hätte es gegen Bilder der Massenmedien schwer; darum wird er eben mediengenehm auf das Jungdichterinnenfoto übertragen und in den Texten von komprimierten Klischeeanordnungen ersetzt. Es regiert die Vorhersehbarkeit, schnell mit ein paar arrangierten Federn "höherer" Kunstverfahren aufgeputzt.

Die Kitschdefinition ist ebenso Konvention wie jedweder ästhetische Konsens. Wenn wir uns an Walther Killy halten, so ist der Stil des Kitschautors auf den momentanen Effekt gerichtet und von ihm bestimmt. Die Stoffe dagegen scheinen auf Zusammenhänge zu weisen, die sehr alt sind. In allgemeiner Lebensheuchelei, in einem Gefühls- und Konvenügestrüpp, hatte seinerseits Hermann Broch betont, werde Endliches zur Unendlichkeit pathetisiert. Also etwa Romeo und Julia in einer deutschen Großstadt, im sentimentalisch verbrämten Ethnokonflikt.

Ein schnelles Leben betitelt Zoë Jenny ihre neue Prosa, die sie - es sind wohl kaum 90 Manuskriptseiten - großzügig gedruckt als Roman ausliefert: Die 17-jährige Ayse, von ihrem Bruder Zafir fürsorglich belagert, darf zum ersten Mal auf eine Party, und schon verliebt sie sich in einen Deutschen. Der muss Christian, zudem Hagen heißen und mit dem Oberneonazi der Schule - richtig geraten: Sigi - befreundet sein. Dieser nibelungisch Angespielte steht bei der türkischen Geburtstagsfeier "etwas verloren herum", will alsbald das Zimmer verlassen. Mit Ayse lehnt er dann auf dem Balkon als Titanic-Film-Abbild, ihr Herz klopft. Zafir ist diese Balkonszene gar nicht recht, dann glänzt der Himmel, Ayse schreibt in ihr Tagebuch, natürlich ein blaues. Sie geht zum Friedhof mit dem alten Kindermädchen, deren Mann Opfer eines rassistischen Attentats geworden war. Vater handelt mit Immobilien, Mutter ist konservativ, und alle sind sie Typen.

Vom verehrten Deutschlehrer erhält Ayse die Schlüssel seiner Wohnung, hier trifft sie heimlich Christian, ihr Deflorationsblut hinterlässt einen Fleck auf einem Teppich, der zwei kämpfende Leoparden zeigt. Ayse soll in ein Schweizer Internat, Christian schießt ihren Bruder nieder, sie flüchten in die Berge bei Locarno, in einer Hütte werden sie "lautlos von den Erdmassen" einer Schlammlawine begraben.

In ein paar Passagen ist Zoë Jenny tatsächlich eine klare, konzentrierte Prosa gelungen. Wie allerdings ein Roman durchgehend nüchtern und sehr ansprechend erzählt werden kann, müsste sie etwa bei Peter Stamm lernen. Und nicht bei Robert Schneider, dem sie im Nachwort, das einer Oscar-Rede ähnelt, für die "stillen Tage" im, naturgemäß, "blauen Dorf" dankt.

Dieses schnelle Leben steckt voller Banalitäten, sprachlicher Ausrutscher und falscher Bewegungen. Offenbar sind vor allem die Lichtverhältnisse, die Körperkunde und die kosmischen Bezüge schwer zu gestalten. Der Laternen- und Ampelstrahl "huschte in roten und weißen Streifen wie farbige Schatten über sein Gesicht"; "das Sonnenlicht fiel durch die jungen Blätter und tanzte in Hunderten von Lichtpunkten über den Boden", während eine Rauferei schwierige Verrenkungen bringt: "Paul drückte ihm mit den Ellenbogen die Arme zu Boden und hielt ihm mit einer Hand den Mund zu. Er fuchtelte mit dem Messer vor Saschas Gesicht herum."

Der Kitschautor, erklärt Killy, hält Ausschau nach Gegenständen, die ebenso sentimental sind wie sie offensichtlich mit Sinn befrachtet werden können: "Er denkt nach den von seinen bequemen Vergleichen vorgezeichneten Bildvorlagen." Dem entsprechen in Zoë Jennys Roman der plakative Einsatz des arabischen Gedichtes "Sie ist selbst Vogel und Nest" und die inflationäre Verwendung überstrapazierter "wie"-Metaphern. Allein auf zwei knappen Seiten sieht Ayse ihr Leben "wie im Zeitraffer vorbeigehen", während "über allem ein Uhrzeiger wie ein richtiger Finger lautlos seine Kreise" zieht; sitzt sie "wie geborgen über die Weltkarte gebeugt", hört sie Namen "wie ein Rufen aus der Ferne", spannen sich ihr die Meridiane "wie ein Netz um die Welt", kauert Christian im Regen "wie ein verletztes Tier". Hinter der Ehrlichkeitsauslage stecken die stereotypen Falschheiten der Emotionsschinderei. (Klaus Zeyringer , DER STANDARD, Printausgabe vom 25./26.1.2003)