Buchcover

Die Frage, wieso ein Flüchtling flüchtet, ist nur scheinbar eine banale. Wenn Tausende gehen, aber gleichzeitig Zehntausende bleiben, muss man sie dennoch stellen. Katharina verlässt Mann und Kinder für den Westen. Genauer, um von Ungarn über Österreich nach Deutschland zu flüchten. Es ist 1956, eine Epoche, in der man Flüchtlingen in Österreich mit Freundlichkeit und Höflichkeit begegnet ist. Man hat die Ankömmlinge gefragt, in welches Land sie wollen, und die Frauen schickte man zum Schuhekaufen, wenn in ihrer Größe gerade nichts vorhanden war.

Die 1965 geborene Zsuzsa Bánk erzählt ihren ersten Roman Der Schwimmer aus der Sicht von Kata, der Tochter Katharinas. Die Ichstimme ist von einer durchgehenden tiefen Melancholie geprägt, dahinter kommt jedoch immer wieder ein frischer und schräger Blick auf die Welt zum Vorschein, wie er nur Kindern zu Eigen ist. Dieser Blick bewahrt die Handelnden vor der totalen Erkenntnis und damit vor dem völligen Abgrund.

Warum Katharina ihr gewohntes Leben aufgibt, ohne ein Wort des Abschieds, das bleibt in der Schwebe. Ja, ihr Mann Kálmán war unerträglich eifersüchtig, im Sommer durfte sie ihre Haare nicht im Freien trocknen lassen, denn niemand sollte sie mit aufgelösten Haaren sehen; die Arbeit in der Baumwollfabrik ruinierte ihre Gesundheit. Aber kann man jeden einzelnen Tropfen, der eventuell ein Fass zum Überlaufen bringt, für die Überschwemmung verantwortlich machen? Anders gesagt: Gibt es einen Grund, zwei Kinder zu verlassen? Oder ist es einfach das Zauberwort Westen? Die symbolträchtige Antwort gibt Kata, getarnt als Frage, angesichts eines Fliegenstreifens, der im Haus der Großmutter in der Küche hängt: "Ich fragte mich, wie sie starben, diese Fliegen, an was. Konnte man sterben, weil man festklebte?"

Der Westen, "irgendwo in der Mitte Deutschlands", entpuppt sich für Katharina als grau und kalt, als ein Ort, "wo die Häuser dunkler waren, wo sogar der Himmel dunkler war als bei uns", während die Zurückgelassenen die idyllischen Landschaften Ungarns abklappern, auf der Suche nach einer Geborgenheit, die nie wieder hergestellt werden kann. An der Oberfläche ist der Osten wunderschön, nur innen ist gar nichts in Ordnung.

Mit ihrer guten Beobachtungsgabe und einer präzisen Wortwahl gelingt es Zsuzsa Bánk, die Figuren und ihre Handlungen, Motivationen und Seelenkämpfe glaubwürdig zu gestalten ohne sie in irgendeiner Weise bloßzustellen. Katharina ist nicht die Böse, als die sie leicht und dramatisch dargestellt werden könnte, sondern die Traurige, die nicht anders kann. Und Kálmán nicht der Unmensch, der zu Recht verlassen wurde, sondern ein eigenwilliger Mann, der sich seine eigene Welt zusammenträumt. Die Autorin bleibt auf der Seite ihrer Geschöpfe, egal was diese anstellen.

Das Verlassenwerden traumatisiert die auseinander gebrochene Familie, Kata, Isti, den jüngeren Bruder, der so aussah, "dass man heimlich fragte, wie krank er sei", und den Ehemann, der stundenlang mit einem Foto von Katharina auf der Küchenbank liegt und "taucht". Ein Weiterleben gelingt nur im Trotz: "Wer uns verlassen hat, dem fahren wir nicht nach." Sie fahren in die Gegenrichtung, weiter in den Osten hinein, werden selbst zu Flüchtenden, reisen per Zug zu Verwandten, wohnen bei Bekannten. Die flirrende Hitze und das Schilf am Balaton, liebliche Weinberge und hügelige Blumenwiesen sind die Stationen ihrer Reise, von denen sie immer wieder wegfahren müssen, denn irgendwann werden sie "unerwünscht", oder das Haus einer Tante brennt ab.

Die Kinder lernen die Zugfahrpläne auswendig, von allen Orten, an denen sie vorübergehend stationiert sind, und sie erfinden Geschichten, warum ihre Mutter gerade nicht da ist. Spitalsaufenthalte, Kuraufenthalte oder dringende Ernten bei Verwandten müssen als Ausreden herhalten. "Länger als einen Sommer" leben sie am Balaton, wo Isti zu schwimmen beginnt. Manisch und unkontrolliert verbringt er zu viele Stunden im Wasser. Am Abend, wenn er endlich aus dem Wasser kommt, sagt er: "Jetzt wäre die richtige Zeit zum Schwimmen." Später wird ihm Wasser zum Verhängnis. Längst wieder an einem anderen Ort, bricht er im Winter durch die dünne Eisdecke eines Baches, kann sich zwar befreien, stirbt aber am anschließenden Fieber. Der Schwimmer ist ein Buch über Fortbewegungen, über Fluchtarten, wobei das vorhandene Zugnetz die Route bestimmt, die Fahrpläne aber den Zeitpunkt. Auch das manische Schwimmen von Isti ist eine Fortbewegung, eine ohne Ziel, eine, die zum Selbstzweck wird. Es ist aber genauso ein Buch über Kindheiten auf dem Land, über die Liebe, erwidert und unerwidert, aufblühend und erkaltend. (Linda Stift, DER STANDARD, Printausgabe vom 25./26.1.2003)