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Tom Shakespeare

Foto: Archiv

Darf eine Frau ein behindertes Kind abtreiben? Ja, sagt der britische Soziologe und Bioethiker Tom Shakespeare, obwohl er selbst dann vielleicht gar nicht geboren worden wäre. Ein Kind unter 15.000 kommt mit einem Genfehler auf Chromosom vier zur Welt, und der Fibroblasten-Wachstumsfaktor drei, der für das Knochenwachstum sorgt, funktioniert nicht richtig. Tom Shakespeare war so ein Kind, ist mit seinen 37 Jahren heute 137 cm klein.

Shakespeare studierte in Cambridge, wurde Behindertenaktivist und bekämpfte so manchen Genforscher. Heute sieht er die Welt anders. Er leitet das internationale Policy, Ethics and Life Sciences Research Institute im britischen Newcastle. Auf Einladung des österreichischen Wissenschaftsministeriums, das mit dem British Council im Herbst eine Bioethikkonferenz in Wien veranstalten will, war er vor kurzem in Wien und sprach mit dem ALBUM über aktuelle bioethische Debatten.

Was halten sie von den jüngsten Meldungen über die angeblich ersten Klonbabys der Welt?

Tom Shakespeare: Ich glaube das nicht. Das reproduktive Klonen ist sehr kompliziert. Erinnern Sie sich an das Klonschaf Dolly - es waren 277 Versuche notwendig, um eine einzige Lebendgeburt zu erhalten. Wir wissen noch viel zu wenig über das reproduktive Klonen. Ich glaube, wir können es nicht, und wir sollten es nicht. Außerdem hat sich noch kaum jemand die Frage gestellt, wie es denn einem geklonten Kind gehen würde. Ist das dem Geschöpf gegenüber fair? Für diesen Wissenschaftsbereich müssen gesetzliche Rahmenbedingungen diskutiert werden. In und mit der Öffentlichkeit.

Und wer stellt sich die Frage, ob es fair gegenüber Frauen ist, reproduktives Klonen zu verbieten? Diese Technik könnte für jene Frauen eine Chance auf eigene Kinder darstellen, die aus medizinischen Gründen nicht fortpflanzungsfähig sind.

Shakespeare: Die meisten, die Kinder haben wollen, wollen Kinder mit einer biologischen Verwandtschaft zu Mutter und Vater. Daher befürworten auch die meisten Menschen reproduktive Techniken wie die In-vitro-Fertilisation. Diese Technik ist etabliert und reicht auch.

Nein. Die reicht nur in Ländern, in denen neben Samenspenden auch Eispenden erlaubt sind. In Österreich sind die aber verboten, hier kann nur unfruchtbaren Männer geholfen werden. Für unfruchtbare Österreicherinnen wäre Klonen somit die einzige Chance auf eigene Kinder.

Shakespeare: Ja, ja, ich weiß. Solche diskriminierenden Gesetze gibt es in anderen Ländern auch. Man muss aber auch erwähnen, dass die Möglichkeit der Eispende nicht immer in Anspruch genommen werden kann. Viele Frauen scheuen sich, ihre fruchtbare Eizelle, aus der ihr eigenes Baby entstehen könnte, einer fremden Frau zu schenken. Das führen Befürworter des reproduktiven Klonens auch immer an. Mir reicht diese Argumentation aber nicht. Denn es gibt andere Möglichkeiten. Aber es ist nicht mein Job, Österreich zu erklären, welche Gesetze es ändern soll. In Großbritannien sind entsprechende gesetzliche Bestimmungen sehr liberal. Wir wollten das so und es funktioniert eigentlich ganz gut. Unter gewissen Voraussetzungen können bei uns auch allein lebende Frauen und Lesben durch künstliche Befruchtung eigene Kinder bekommen. Derzeit diskutiert man sogar, ob sich Paare das Geschlecht ihrer Babys aussuchen dürfen sollen. Vielleicht sind wir ja sogar liberaler, als wir sein sollten.

Gegner der Genomik warnen immer vor Herstellung von Designerbabys. Eine echte Gefahr?

Shakespeare:So leicht ist es nun auch wieder nicht, blauäugige und blonde Kinder im Reagenzglas herzustellen. Aber hier liegt schon ein Problem verborgen: Je mehr die Eltern Einfluss auf Leben, Verhalten und Äußeres ihrer Kinder nehmen können, desto größer wird später die Angriffsfläche für die Kinder gegen ihre Eltern. Ich glaube, dass daraus ein wesentlicher Teil des Generationenkonflikts resultiert.

Noch einmal zu Reglementierungen: Braucht die Wissenschaft gesetzliche Schranken?

Shakespeare: Ja, die wissenschaftliche Forschung muss gesetzlich reglementiert werden. Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, diese ist durch Gesetze geordnet und die Wissenschaft ist Teil dieser Gesellschaft. Viele Länder, hier nehme ich Großbritannien gar nicht aus, haben in der Vergangenheit den großen Fehler gemacht, enorm viel wissenschaftliche Forschung hinter verschlossenen Türen ablaufen zu lassen. Daher ist die Öffentlichkeit zurecht skeptisch und verlangt nach Regeln.

Im Bereich Öffentlichkeit ist Großbritannien ohnedies sehr großzügig. Ich erinnere an den deutschen Anatom Gunther von Hagens, der in London öffentlich eine Leiche zerlegt hat. Die Medizin der Öffentlichkeit näher bringen, nennt er das. Entspricht das in etwa Ihrer Vorstellung?

Shakespeare: Nein, absolut nicht. Das ist nichts anderes als eine kommerzielle Freak-Show. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das etwas mit öffentlicher Lehre zu tun hat oder anderen wissenschaftlichen Dingen. Der wollte nur seine Leichenausstellung promoten. Von Hagens hatte eine große medizinische Reputation in Heidelberg, heute ist er nur noch Entertainer. Solche Entwicklungen sind mehr als fragwürdig.

Eine andere in der Bevölkerung geführte Diskussion, ebenfalls in Großbritannien, ist die angekündigte Transplantation eines ganzen Gesichtes. Auch nur pseudowissenschaftliche PR?

Shakespeare: Hierzu gibt es Fachmeinungen, wonach ein derartiger Eingriff kein Problem darstellt, andere Experten jedoch glauben, dass eine solche Transplantation technisch erst in einigen Jahren durchgeführt werden könnte. Aber wie auch immer: Worüber wir hier bisher gesprochen haben, nennen wir in Großbritannien den so genannten Kotz-Faktor in der Wissenschaft. Dieser wird umso größer, je mehr angekündigte oder durchgeführte medizinische Praktiken Horrorvisionen in der Bevölkerung hervorrufen. Dieser Faktor wird derzeit zwar immer größer, aber sollten wir deshalb gleich alles Derartige verbieten? Tatsache ist, dass sich dieser Faktor mit der Gesellschaft und allen langsam von ihr akzeptierten Errungenschaften ständig ändert. Nach der ersten Herztransplantation kam den Menschen alles hoch, wenn sie daran dachten, in ihrer Brust könnte ein fremdes Herz schlagen. Horror. Und heute? Nicht gleich verbieten, zuerst rational darüber reden.

Glauben Sie denn tatsächlich, dass eine öffentliche Diskussion über ethische Zulässigkeiten von wissenschaftlich Machbarem jenseits von subjektiven Empfindungen, Moral und Religion wirklich rational geführt werden kann?

Shakespeare: Ich denke schon. Man müsste diese Debatte, um es mit einem Beispiel aufzuzeigen, auf folgende Fragen reduzieren: Gibt es eine medizinische Notwenigkeit für eine Gesichtstransplantation? Gibt es Patienten, denen damit geholfen werden könnte? Und gibt es die Sicherheit, dass ein derartiger Eingriff auch ohne zusätzlichen Schaden für den Betroffenen funktioniert? Wenn Sie alle Fragen mit Ja beantworten können, warum soll ich dann nicht ein neues Gesicht erhalten dürfen? Oder glauben Sie, ich bin mein Gesicht? Ich bin vielleicht meine Seele, aber sicher nicht mein Gesicht. Wenn ich von jemandem ein Herz bekomme oder ein Auge, ist das ja auch o.k. Wo ist also der Unterschied?

Es erinnert an Frankensteins Monster, womit wir wieder bei besprochenen Horrorvisionen sind.

Shakespeare: Leute laufen herum mit implantierten Maschinen, mit fremden Herzen, mit Metallplatten in Extremitäten, mit Geweben von Tieren im Organismus und mit vielem mehr. Alles, was dem Menschen nützt, ohne dem anderen zu schaden, kann Fortschritt sein. Viel mehr zum Kotzen finde ich, dass nicht alle Menschen Zugang zur modernsten Medizin haben. Das stellt eines der größten ethischen Probleme dar, das schleunigst gelöst gehört.

Wann ist aus Ihrer Sicht als Bioethiker der Mensch eigentlich Mensch?

Shakespeare: Für mich beginnt Leben nicht mit der Befruchtung, auch wenn viele Katholiken das glauben. Ich verrate Ihnen auch gerne, warum: Viele, viele Schwangerschaften beginnen und enden auch wieder in den ersten Wochen nach der Befruchtung. Und die meisten dieser Schwangerschaften enden, ohne dass Frauen überhaupt merken, dass sie schwanger waren. Würde Leben mit der Befruchtung beginnen und jede befruchtete Eizelle eine von Gott gegebene Seele besitzen, dann sprächen wir über einen Gott, der unzählige menschliche Leben erschafft, ohne dass er sie zur Geburt führt. Ich glaube, Embryos entwickeln einen wachsenden menschlichen Status währen der Schwangerschaft, bei Geburt haben Babys einen vollen menschlichen Status. Daher bin ich auch nicht gegen Abtreibungen. Und ich bin auch nicht gegen die Gewinnung embryonaler Stammzellen für therapeutische Zwecke - für diese Zellen werden nämlich Embryonen von nur wenigen Tagen verwendet. Die unter die die zuvor beschriebene Kategorie fallen. Andreas Feiertag, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 25./26.1.2003)