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Innenpolitisch war der Regierungsstart des brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva eine Fortsetzung des Wahlkampfs mit anderen Mitteln - symbolische Gesten gegen den Hunger bei gleichzeitiger Fortsetzung des Sparkurses von Vorgänger Fernando Henrique Cardoso. In der Außenpolitik jedoch rührte Lula, unter anderem beim Weltwirtschaftsforum von Davos am Wochenende und zuvor beim Weltsozialforum in Porto Alegre, beherzt um. In Sachen Venezuela war er bereits im Dezember vorgesprescht: Er schickte einen Vertrauten nach Caracas und veranlasste Cardoso dazu, dem bedrängten Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, eine Schiffsladung Benzin zu liefern.

Gleich nach seinem Amtsantritt am Neujahrstag griff Lula eine Idee des venezolanischen Linksnationalisten auf: die Bildung einer "Gruppe der Freunde Venezuelas" zur Vermittlung bei der heftigen Konfrontation zwischen Regierung und Opposition. US-Präsident George W. Bush, der den "Hinterhof" Lateinamerika bisher eher vernachlässigt hatte, sah sich nun in Zugzwang, zumal die wegen des wochenlangen Streiks drastisch zurückgegangenen Öllieferungen aus Venezuela die Vorbereitungen auf einen Irakkrieg behindern.

"Gruppe der Freunde"

Nach der Amtsübernahme des ecuadorianischen Präsidenten Lucio Gutiérrez hob Lula vorletzte Woche die "Gruppe der Freunde" aus der Taufe. Bushs Lateinamerika-Berater Otto Reich blieb nichts mehr übrig, als widerwillig von einer "guten Idee" zu reden. Die USA sind ebenso wie Spanien in der Sechsergruppe vertreten, nicht aber Frankreich, Russland oder China, wie es Chávez vorgeschwebt war. Lulas Begründung: "Um einen Konsens zu erreichen, sind Leute von gegensätzlicher Denkweise nötig." In Südamerika müsse Brasilien endlich seine "natürliche Führungsrolle" übernehmen, sagte er in Quito. Vor allem die Argentinier scheinen damit gut leben zu können - Lulas Initiative zum "Wiederaufbau" des siechen Wirtschaftsbündnisses Mercosur wird dort positiv aufgenommen.

In Brasilien ist der Kurs des Präsidenten nicht unumstritten. Im Venezuela-Konflikt habe er unnötig Partei ergriffen, monieren Kritiker. Nach anderer Lesart knüpft Lula an die Tradition einer selbstbewussten brasilianischen Außenpolitik an. Garanten hierfür sind zwei Karrierediplomaten: Celso Amorim, war bereits 1993 bis 1995 Außenminister. Und Samuel Pinheiro Guimarães, ein dezidierter Gegner der von Washington geplanten gesamtamerikanischen Freihandelszone FTAA, ist nun die Nummer zwei. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2002)