Herrschaftszeiten! Könnte dieser Geburtstag nicht im Sommer sein? Oder wenigstens im Frühling? Dann müsste auf den Entschuldigungsformularen Schulpflichtiger in den nächsten Tagen weniger oft "FM-4-Fest" stehen und der Gang durch sämtliche Klimazonen - von extrem kontinental im Freien bis zu subtropisch in den Hallen - bliebe den Besuchern erspart: Hat hier jemand bitte mal ein Taschentuch? Schneuz!!! Danke.

Damit ist das Beschwerdeführen anlässlich des achten Geburtstagsfestes des Jugendsenders FM4 aber schon vorbei. Denn das Liveprogramm, das für den Ehrentag zusammengestellt und in der Wiener Arena präsentiert wurde, konnte sich sehen lassen - wenn man die deutsche 80er-Jahre-Vokuhila-Retro-Band Mia großzügig ignoriert.

Console, das Solo-Vehikel des Bayern Martin Gretsch- mann von The Notwist, überzeugte mit einer fünfköpfigen Liveband und eingängigem Elektro-Pop. "Action" konnte man während seines Auftritts zwar keine orten, aber wenn der Mann hinter der Hornbrille einen Schluck Bier nahm, bedeutete das immer noch mehr Bühnenshow, als ein Strokes-Konzert bietet.

Im Anschluss trat die Asian Dub Foundation auf den Plan und bewies, dass sie konsequent fortführt, was Linton Kwesi Johnson in den späten 70ern begonnen hat. Nämlich auf Dub-Basis politische Anliegen zu formulieren. Die Briten lieferten zwar eine druckvolle Bühnenshow; musikalisch fanden sie sich jedoch all zu oft in den Gefilden protzigen Crossovers wieder.

Geprotzt wurde anschließend auch in der Halle beim Höhepunkt der Nacht: Surrogat, eine Berliner Band, die demnächst ihr mit Vorschuss- lorbeeren bedachtes Album Hell In Hell veröffentlicht, bot dem Publikum einen Vorgeschmack darauf. Patrick Wagner, Wortschöpfer und Gitarrist, führte seinen Vierer in Gefilde, die zuletzt als eher unpopulär galten, mit der Renaissance dreckiger Rockmusik in den letzten beiden Jahren jedoch einen logischen Schritt bedeutet: Surrogat erfinden zwar nichts Neues, doch sie bewegen sich gekonnt an einer Schnittstelle, die von Bands wie den leider zu früh dahingegangenen Mule (If I Don't Six!), Helmet (die ersten beiden Alben) und Hüsker Dü (New Day Rising) definiert wurde.

Die griffig formulierten deutschen Texte erinnern an DAF und die brachiale Darbietung unterstrich ihren Status als "Band der Stunde". Zwar muss man bezweifeln, ob Surrogat, wie von Veranstalterseite vor dem Konzert angekündigt, "größer als AC/DC" werden. Da fehlen noch zirka fünf Meisterwerke in Folge.

Sollte sich die Kompromisslosigkeit ihres skelettierten Hardrock in ihrem weiteren Schaffen fortsetzen, darf man jedenfalls gespannt sein. Das Konzert war jedenfalls - schneuz!!! - gewaltig. (Karl Fluch, DER STANDARD, Printausgabe vom 27.1.2003)